Pfingsten 2021

Pfingsten 2021 hatte ein bischen den Charme eines nachgeholten Osterfestes. Nur das Wetter war etwas durchwachsen. Hatte man sich an Ostern just von dem Schreck erholt, dass eigentlich ein kurzer harter Lockdown hätte verhängt werden sollen, so schwebten doch die Länder-Notbremse, die Ankündigung von deren bundesweiter Verankerung sowie der dringende Appell, sich an die Auflagen zu halten, wie ein Damokles-Schwert über dem Raum. An eine Reise war an diesen Ostern (4. und 5. April 2021) sowieso nicht zu denken. In Bayern lag die 7-Tage-Inzidenz bei rund 130, in Unterfranken um die 113, in der Stadt Würzburg bei immerhin rund 75 und im Landkreis um 102. Entsprechend galten die Kontaktbeschränkungen lt. Verordnung.*

Ganz anders zu Pfingsten. In Bayern durften nun – endlich und lange ersehnt – in Kreisen und kreisfreien Städten mit einer stabilen 7-Tage-Inzidenz von unter 100, Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätze öffnen.
Gleiches galt für Seilbahnen, die Fluss- und Seenschiffahrt sowie die Außenbereiche von medizinischen Thermen. Wer die Angebote nutzen wollte, musste einen maximal 24 Stunden alten negativen Corona-Test vorweisen können, der nach 48 Stunden zu erneuern war. Für Geimpfte, Genesene und Kinder unter sechs Jahren entfiel die Testpflicht.

In Hotels war konkret die Anreise seit Freitag, 21. Mai möglich (die 7-Tage-Inzidenz musste fünf Tage in Folge unter 100 liegen. Ab dann galten zwei Tage als Karenzzeit. Am 8. Tag durfte die Öffnung erfolgen. Diese Zeitspanne wurde lediglich vor Pfingsten auf sieben Tage verkürzt). Auch die Stadt Würzburg durfte die Hotels wieder öffnen.

Wer sich traute und einen geeigneten Ort fand, durfte also tatsächlich verreisen. Der Urlauber hatte allerdings das Risiko, dass er, sollte die Inzidenz 3 Tage lang über 100 liegen, ab dem fünften Tag wieder sein Feriendomizil verlassen musste.
Eine Civey-Umfrage für BR24 ergab, dass drei viertel der Bayern keinen Urlaub planten. Zu den Gründen sei auch die Angst vor Corona genannt worden.
http://www.br.de/nachrichten/bayern/drei-viertel-der-bayern-planen-keinen-urlaub-in-pfingstferien,SXxHrcF

Der Urlaub daheim hatte ebenso seinen Reiz. Bei einer Inzidenz unter 100 durften seit 21. Mai die Fitnessstudios wieder öffnen, ebenso Freibäder – alles mit Terminbuchung und Tests. Eine Wohltat für schmerzende Gelenke, krumme Wirbelsäulen, schlaffe Muskeln – ganz zu schweigen von der Orangenhaut, die sich gebildet hat und wieder straff werden wollte.

Schmackhaft im wahrsten Sinne des Wortes waren auch die Erleichterungen für die Außengastronomie, die unter Auflagen bereits seit 10. Mai wieder gestattet waren. D.h. bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 war es möglich, bei Terminbuchung und Negativtest sowie Einhaltung der Kontaktbestimmungen bis 22 Uhr an einem Tisch zu sitzen.
Die Stadt Würzburg hatte seit Dienstag, den 11. Mai die 7-Tage-Inzidenz von 100 so lange unterschritten, dass Öffnungen in Kraft treten konnten. Ab dem darauffolgenden Mittwoch, den 12. Mai durfte die Außengastronomie unter den genannten Auflagen wieder öffnen. Wollten Personen aus mehren Hausständen zusammensitzen (erlaubt: zwei Hausstände mit fünf Personen) wurde ein Test benötigt, bei Personen aus einem Hausstand nicht. Nur am Tisch durfte die FFP2-Maske abgenommen werden.

Ein Frühstück an Pfingstsonntag in einem Café im Freien mit weitreichendem Blick über den städtischen Platz und das dortige Treiben – welch ein Genuss. Es war zwar kühl, man brauchte eine Jacke, doch der Milchcafé wärmte schnell wieder auf. Herrlich war es, zuzuschauen, wie ein kleiner blondhaariger Junge Tauben jagte, mit vollem Eifer und kreischend ausgestoßenen Lauten sowie heftigen Scheuch-Bewegungen, als ob er Corona vertreiben wollte. Die Tauben flatterten auf, störten sich aber ansonsten kaum an der kindlichen Tyrannei.

Heute an Pfingsten war ein Gottesdienst im Freien angesagt. Natürlich musste man sich vorher anmelden und beim Eintreffen wurde in einer Liste ein Haken gesetzt. Die Stühle standen im Halbkreis mit Abstand und auf einer kleinen Bühne davor war ein Altar aufgestellt. Auf dem Podest warteten die jungen Sänger*innen voller Ungeduld auf ihren Auftritt. Die Sitzplätze füllten sich allmählich, zwischendrin waren auch ein paar Farbtupfer zu sehen. Wenn ein Rollstuhlfahrer sich dazwischenschob und den Abstand nicht berücksichtigte, musste man ein bischen beiseite rücken. Gerade er sollte die spärlichen Sonnenstrahlen genießen.

Zwischendurch kam ein starker Wind auf, das Pfingstbrausen war also zu vernehmen, auch 2021. Vielleicht war es tatsächlich der Heilige Geist, der allen zuflüstern wollte: alles wird gut? Die Predigt war lebensnah und aus dem Alltag gegriffen. Anstatt der oft viel beschworenen Einheit wurde hier eine andere Richtung eingeschlagen. Das zentrale Pfingstwunder sei nicht, dass plötzlich alle eins gewesen seien, sondern dass sich alle in ihrer Verschiedenheit verstanden hätten. Jeder darf sein, wie er ist, muss nicht zu dem werden, wie andere ihn gerne haben möchten. Der Zauber liegt in der Diversität. Der Geist will keinen Einheitsbrei, sondern Verständigung in der Vielfalt schaffen. Obwohl diese Predigt an eine persönliche Erfahrung anknüpfte, ging sie ganz konform mit der Pfingstbotschaft von Papst Franziskus, der „Harmonie in der Vielfalt“ einforderte.

Dies klang sehr wohltuend angesichts der zentrifugalen Kräfte in Kirche und Gesellschaft. Konfessionen ringen damit, aufeinander zuzugehen, Frauen kämpfen um mehr Rechte, Zugewanderte wollen sich in eine Welt integrieren, die anders ist, als die gewohnte, Gewinner der Pandemie stehen den Verlieren gegenüber, die ihre Geschäftsbasis verloren haben.

Pfingsten 2021 – wir müssen in der Ambivalenz eine Sprache finden, die uns verbindet, einen Kit, der die Gesellschaft zusammenhält, der vieles erträgt, auch heftige Erschütterungen. Ist das ein frommer Traum? Oder stecken wir vielleicht schon mitten in der Veränderung, weil wir bemerkt haben, dass wir vor allem dann überleben können, wenn wir aufeinander achten und bestrebt sind, genauso wie uns selbst, auch Andere zu schützen.

Pfingsten gilt als das Fest der Erneuerung und der Kreativität. Aus angstvollen Jüngern wurden mutige Vertreter des Glaubens. Lassen wir uns inspirieren, die hoffentlich letzte Phase der Pandemie mit Mut anzugehen, nicht zu verzagen, Einheit in Verschiedenheit zu akzeptieren, aber auch Veränderung dort anzupacken, wo es am nötigsten ist – z.B. in den Bereichen Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

*In Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen eine 7-Tage-Inzidenz von 100 überschritten wird, gemäß § 28b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Halbsatz 1 IfSG mit den Angehörigen eines Hausstands und einer weiteren Person;
in Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen die 7-Tage-Inzidenz zwischen 35 und 100 liegt, mit den Angehörigen des eigenen Hausstands sowie zusätzlich den Angehörigen eines weiteren Hausstands, solange dabei eine Gesamtzahl von insgesamt fünf Personen nicht überschritten wird
https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayIfSMV_12-4

3. Ökumenischer Kirchentag – digital – aus Frankfurt am Main vom 13. bis 16. Mai 2021

Die Ankündigung kam eher unscheinbar daher, noch so eine virtuelle Veranstaltung – jetzt auch der ökumenische Kirchentag – wie so vieles. Bei Online-Programmen, mögen sie noch so interessant sein, besteht die Hürde, dass man sich mit der Struktur vertraut machen muss, aus zig Oberpunkten wählen, sich durchklicken muss. Ist da nicht ein Funken Interesse, so lässt man es lieber gleich.
Hier aber gab es gleich einen starken Einstieg, der in jedem Fall einlud, weiter mit dabei zu sein.
Von einer Dachterrasse inmitten der Frankfurter Skyline übertrug die ARD einen ökumenischen Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt, der zugleich Auftaktveranstaltung des 3. Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt am Main war. Die Präsidentin und der Präsident des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT), Bettina Limperg (Deutscher Evangelischer Kirchentag) und Professor Dr. Thomas Sternberg (Zentralkomitee der deutschen Katholiken), luden die Zuschauer ein, beim virtuellen Event mit dabei zu sein. Die Predigt hielt der Prior der Gemeinschaft von Taizé, Frère Alois.
Das Motto des diesjährigen ÖKT, der zum ersten Mal 2003 in Berlin stattfand (Motto: „Ihr sollt ein Segen sein“) und ein weiteres Mal 2010 in München („Damit ihr Hoffnung habt“), lautete einfach und eingängig „Schaut hin (Mk 6,38)“. Wie wichtig es ist, ehrlich hinzuschauen, einander zu vertrauen und gemeinsam zu handeln – das sollte bei diesem ÖKT vermittelt werden.

Gedenken und Festveranstaltung am Freitag

Los ging es am Freitag um Fr 10.30 Uhr. Die Moderation und Einstimmung übernahmen Dr. Claudia Nothelle, Journalistin aus Berlin und Dr. Julian Sengelmann, Pastor, Sänger und Schauspieler aus Hamburg. Beide sollten die virtuellen Teilnehmenden durch das ganze Programm hindurch begleiten. Sie leiteten über zur Gedenkveranstaltung „Schaut hin – Jüdisches Leben in Frankfurt“. Die gesamte Geschichte jüdischen Lebens in Frankfurt vor 1933 und von 1933-1945 wurde in den Blick genommen und der Leiden durch die Shoa gedacht. Jüdisches Leben in Frankfurt nach 1945 stellte Marc Grünbaum, Vorstand der Jüdischen Gemeinde vor. Außerdem kamen Stimmen gegen Antisemitismus und Rassismus zu Wort. Die gesamte Veranstaltung war – wie viele der weiteren folgenden Programmpunkte – aufgezeichnet worden und wurde zur angegebenen Uhrzeit ausgestrahlt.
Die Begrüßung oblag wieder Bettina Limperg, Präsidentin des 3. ÖKT aus Karlsruhe und Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des 3. ÖKT aus Münster. Das Gedenken im Gebet übernahmen stellvertretend für ihre Kirchen Dr. Johannes zu Eltz, kath. Stadtdekan, Dr. Achim Knecht, ev. Stadtdekan und Julian-Chaim Soussan, Rabbiner, alle aus Frankfurt/Main.

Im Anschluss folgte das erste Hauptpodium „Was tun wir gegen Antisemitismus?“, zu dem Peter Feldmann, Oberbürgermeister der gastgebenden Stadt, begrüßte. Er leitete über zu einem Podiumsgespräch, an dem u.a. Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, teilnahm. In etwa zeitgleich wurde ein weiteres Podium unter dem Motto Üb‘-ErLeben ausgestrahlt. Bei dieser jüdisch-christlichen Dialogveranstaltung ging es um jüdisches und christliches Handeln in einer versehrten Welt. Nach einem Impuls von Julian-Chaim Soussan, Rabbiner aus Frankfurt/Main, hatten weitere Podiumsteilnehmende Gelegenheit, sich zu äußern.

Tagsüber war Pause und das Programm wurde ab 18.30 Uhr fortgesetzt, mit einer Einstimmung wurde zur Festveranstaltung übergeleitet. Die Moderation übernahmen Gesa Grandt, Jugendbildungsreferentin, Kiel und Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, Weimar. Auch diese beiden begleiten die Online-Gäste bei mehreren Programmpunkten. Ab 19.00 bis 20.00 Uhr hieß es „Schaut hin. Festveranstaltung des 3. ÖKT“. Dies bedeutete eine Begegnung mit Gästen aus Politik, Kirchen, Kultur und Heldinnen der Corona-Pandemie aus Frankfurt und Umgebung.
Bei der Begrüßung wechselten sich Bettina Limperg, Präsidentin des 3. ÖKT, Karlsruhe und Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des 3. ÖKT, Münster wechselseitig ab. Es folgte die Grußbotschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, Berlin. In Frankfurt hießen Volker Bouffier MdL, Ministerpräsident aus Wiesbaden und der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann herzlich willkommen.
Für die beiden gastgebenden Kirchen waren Bischof Dr. Georg Bätzing, Bistum Limburg und Kirchenpräsident Dr. Dr. h.c. Volker Jung, Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt, eingeladen. Grüße von ökumenischer Seite entsandte Erzpriester Radu Constantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Brühl.

Höhepunkt des Abends war die Uraufführung des 90-minütigen ökumenischen Oratoriums EINS. Die Veranstaltung war aufgezeichnet worden und wurde zur festgelegten Uhrzeit kostenfrei ausgestrahlt.
Die Komposition des Oratoriums stammte von Bernhard Kießig, Referent für Popularmusik am Zentrum der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Bad Camberg und Peter Reulein, Kirchenmusiker im Bistum Limburg, Frankfurt/Main. „Das Besondere an der Entstehung des Stückes ist auch sein komplett ökumenischer Charakter“, sagt Eugen Eckert, Frankfurter Stadionpfarrer und Referent der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Kirche und Sport. Gemeinsam mit Helmut Schlegel, Franziskaner und Priester (OFM, Hofheim/Taunus), hat er das Libretto für dieses Oratorium geschrieben.
Die Idee zu dem virtuosen Stück geht zurück auf Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum der EKHN und Diözesankirchenmusikdirektor Andreas Großmann vom Bistum Limburg, die vor drei Jahren eigens eine ökumenische Arbeitsgemeinschaft aus Kirchenmusikerinnen mit der Aufgabe begründet hatten, gemeinsame (Groß-)Projekte beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt zu entwickeln. Ursprünglich sollte im Frankfurter Stadion der „größte ökumenische Chor der Welt“ mit vielen tausend Sänger*innen und Musizierenden auftreten.
Die Besetzung musste entsprechend den Hygieneauflagen schrumpfen: Vier Solist*innen sangen zu den Klängen der Neuen Philharmonie Frankfurt am Main. Das rund 50-köpfige Orchester mit seiner Band spielte unter der Leitung des Wetzlarer Domorganisten Valentin Kunert. Außerdem mit dabei waren ein Chor von Studierenden der Musikhochschule Frankfurt unter der Leitung von Professor Florian Lohmann und die Frankfurter Co-Op Dance Company. Das Originalkonzept sah ein „Oratorium zum Mitsingen“ vor. Diesen Charakter sollten nun, da das nicht möglich war, Virtual Choir-Einspielungen eines Kinderchores (Frankfurter Domsingschule), eines Chores aus hauptamtlichen Kirchenmusiker*innen (Bistümer Limburg, Mainz und Fulda, Evangelische Kirchen in Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck, sowie der ACK Hessen-Rheinhessen) und ein Bläserensemble der EKHN zumindest annähernd vermitteln.
Zu einem künstlerischen Ganzen wurde das Projekt unter der Regie von Uwe Hausy, Referent für Spiel und Theater der EKHN, zusammengefügt.

Der Handlungsstrang: zwei Frauen geleiten als Erzählfiguren durch die Aufführung, die sich vielfach an die Apostelgeschichte anlehnt. Die Journalistin Julia reist für eine Recherche aus der Gegenwart in die Zeit der Urchristen. Sie trifft auf Junia, die Paulus in Röm 16,7 nicht nur als Verwandte, sondern auch als herausragende Persönlichkeit unter den Apostel*innen nennt. Beide kommen in Kontakt mit den Aposteln Petrus und Paulus, erhalten Einblick in die Konflikte zwischen dem heiden- und judenchristlichen Christusverständnis. Julia erlebt, wie die jungen Gemeinden das Oster- und Pfingstgeschehen feiern – erfährt aber auch von deren Verfolgung, die zur Steinigung des Stephanus führt.

Trotz fehlendem Livecharakter vermittelte die Übertragung ein erstaunliches Echtheitserleben. Durch Musik und Tanz sowie die Ausdruckskraft der beiden Hauptdarstellerinnen übertrug sich die Emotionalität der einzelnen Szenen in spürbarer Dichte. Die Stimmung wurden so unmittelbar übertragen, dass ein Prickeln unter der Haut nicht ausblieb. Ein solch kulturelles Meisterwerk dürfte kirchliche Inhalte gerade für junge Menschen ansprechen.

Facettenreiches Programm am Samstag

Das Hauptprogramm war für Samstag vorgesehen, wohl auch deswegen, um Berufstätigen die Teilnahme zu ermöglichen. Drei Schwerpunkte waren leitend: „Alles eine Frage des Glaubens und Vertrauens?“, „Zusammenhalt in Gefahr?“ sowie „Eine Welt – Globale Verantwortung?“. Die virtuellen Veranstaltungen wurden innerhalb dieser Themen gebündelt. Es ging um 8.30 Uhr los und den ganzen Tag lang gab es rund um die Uhr Online-Veranstaltungen, viele parallel. Einige waren vorab aufgezeichnet worden, andere wurden live aus dem ÖKT-Studio / Messe Frankfurt übertragen. Eines der beliebtesten Formate war das Podium. Es gab ein Hauptpodium, aber auch viele kleine Nebenbühnen mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie Religiöse Vielfalt, Glaube und Spiritualität, Digitale Gesellschaft, Zusammenleben, Finanzen und Wirtschaft, Internationale Verantwortung, Schöpfung und Klimakrise, Kirche und Macht sowie Ökumene. Oft wurden die einstündigen Videoclips zwischendurch von musikalischen Einlagen angereichert. Schön war, dass das Publikum sich trotz Online-Format über „Anwält*innen“ oder entsprechende Tools einbringen konnte.

Der Tag startete mit einer Stunde zur Ökumene, betitelt mit „Einheit in der Vielfalt“. Diese für den Kirchentag zentrale Thematik wurde im ÖKT-Studio live gesendet. Passant*innen aus Berlin und Itzehoe waren befragt worden, was sie unter Ökumene verstehen. Es folgten ein Fragenhagel, 100 Sekunden – Jubiläen ökumenisch gelesen, das Vaterunser in Gebärden als geistliche Unterbrechung, die Vorstellung des Ökumenischen Rats der Kirchen und Best Practice Projekte zur Ökumene. Berichtet wurde von einer App zum Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, Berlin, dem Projek „Mit Luther zum Papst“, Magdeburg und der Simultankirche Wetzlar. Um die Taufe als verbindendes Sakrament ging es, als ein Blick in die Taufriten verschiedener Konfessionen gewagt wurde.

Parallel lief ein Podium, das mit „die Corona-Pandemie als spirituelle Herausforderung“ betitelt war. „Was motiviert und belebt uns, wovon nehmen wir Abschied?“ fragte die Moderatorin Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael, Frankfurt/Main. Gäste waren Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin des Kath. Bibelwerks, Stuttgart, Dr. Frank Hofmann, Chefredakteur von Andere Zeiten, Hamburg, Bernd Lohse, Pilgerpastor, Hamburg, Markus Roentgen, Theologe und Geistlicher Begleiter, Köln, Claudia Schimmer, Religions- und Tanzpädagogin, Offenburg und Dr. Kerstin Söderblom, Hochschulpfarrerin der Ev. Studierendengemeinde, Mainz.
Dr. Frank Hofmann lieferte gleich zu Beginn eine Zusammenfassung, indem er drei Typen von Spiritualität skizzierte, die er vorgefunden hatte:

Typ Nummer 1: Die „Trotzdem-Spiritualität“ von religiös geübten Menschen, die sich neue religiösen Praxen suchen mussten. „Diese Trotzdem-Spiritualität hat zu kreativen Angeboten, gerade im Umfeld der Kirchen geführt“
Typ Nummer 2: Die „Experimentier-Spiritualität“, oft von Leuten, die nicht religiös praktizierend sind. Sie nutzten den pandemiebedingten Zeitgewinn, um etwas Meditatives oder Religiöses auszuprobieren.
Und Typ Nummer 3: Die „Hiob-Spiritualität“ von Menschen, die sich intensiv mit dem Glauben und der Frage auseinandersetzten, was uns Gott mit der Pandemie sagen will. „Das ist sicher eine ganz hohe Form von Spiritualität, dass man zwar das Leid nicht gemindert und keine Antwort auf die Fragen bekommt, aber in dem Fragen dann doch eine Stimme aus der Transzendenz hört“, erklärt Hofmann.
(vgl. https://www.br.de/nachrichten/kultur/die-kirchen-und-die-corona-pandemie-lehrt-not-beten,SXUNBiV)

Ebenfalls live aus dem Studio, vielleicht weil besonders passend zum diesjährigen Format des ÖKT, diskutierte man in einer Stunde zur Digitale Gesellschaft von „Apps, Algorithmen und Aufbrüchen“. Es ging um das Making-of zum digitalen ökumenischen Oratorium, faire Digitalisierung weltweit, Beratung 2.0 und „alle in einem Netz – digitale Teilhabe“ (Ingo Dachwitz, Redakteur netzpolitik.org, Berlin und Julia Probst, Bloggerin und Aktivistin für digitale Barrierefreiheit, Weißenhorn). Auf einen Ebbelwoi mit … war Dorothee Bär MdB, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Berlin gekommen.

Eine Gesprächsrunde befasste sich in einer Stunde zu Finanzen und Wirtschaft mit „Markt Macht Moral“. Ist Geld anlegen unmoralisch? wurde u.a. Jörg Eigendorf, Konzernsprecher der Deutschen Bank, Leiter Kommunikation und Nachhaltigkeit, Frankfurt/Main gefragt. Wie Ethisches Investment geht, erläuterte Jutta Hinrichs, Stabstelle Ethik und Nachhaltigkeit der Pax-Bank, Köln. Dass es auch Solidarität in der Corona-Pandemie gibt, stellte Dr. Charlotte Eisenberg, Pfarrerin, Frankfurt/Main unter Beweis und als prominenter Gast war Armin Laschet MdL, Ministerpräsident aus Düsseldorf zugeschaltet.

Unter der gleichen Kategorie war die Diskussion „Europäische soziale Marktwirtschaft – Die Corona-Pandemie als Herausforderung für ein solidarisches Europa“ verortet werden. Jens Spahn MdB, Bundesgesundheitsminister, Berlin, dürfte für hohe Zuschaltquoten gesorgt haben. Doch auch die weiteren Gäste sorgten für eine interessante Diskussion:

Dr. Sylvie Goulard, Publizistin und Mitbegründerin von United Europe, Paris/Frankreich
Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July, Vorsitzender der Kommission für Europafragen der Ev. Kirche in Deutschland (EKD), Stuttgart
Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Vizepräsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union, Essen
Die Moderation hatte Dr. Ursula Weidenfeld, Wirtschaftsjournalistin Potsdam übernommen.

Wer zahlt die Rechnung der Corona-Pandemie? Diese Frage brennt sicher vielen auf den Nägeln. Von Olaf Scholz MdB, Bundesfinanzminister, Berlin, wurde hierauf qua Amt eine Antwort erwartet. Es diskutierten Ulrich Caspar, Präsident der Industrie- und Handelskammer, Frankfurt/Main, Stella Martin, Ökonomin, Münster, und Eva M. Welskop-Deffaa, Vorstand Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbands, Freiburg. Der BR griff Äußerungen von Bundesminister Scholz auf und schrieb: „Soli-Zahler sollen Teil der Krisen-Kosten tragen… Rund 450 Milliarden Euro wurden insgesamt an Krediten aufgenommen. Um die Kosten zu refinanzieren, will der Finanzminister den übrig gebliebenen Solidaritätszuschlag verwenden.“
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/scholz-soli-zahler-sollen-teil-der-krisen-kosten-tragen,SXUqVPQ

Die Corona-Thematik unter einem anderen Gesichtspunkt behandelte das Podium „Corona-Pandemie und internationale Gesundheitspolitik“ (Schwerpunkt Internationale Verantwortung). Mit dabei waren:

Heiko Maas MdB, Bundesaußenminister, Berlin
Bischof Johannes Bahlmann OFM, Obidos/Brasilien
Dr. Hiyam Marzouqa-Awad, Kinderkrankenhaus Bethlehem, Palästinensische Gebiete
Dr. Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission, Tübingen
Dr. Assitan Soumaré, Ärztin am Sozial-medizinischen Zentrum Bamako/Mali
Moderation: Carolin Kronenburg, Pressesprecherin von Adveniat, Essen

Angesichts des neu aufgeflammten Konflikts zwischen Israel und der Hamas war der Beitrag „Wie gelingt Friedenssicherung in einer unsicheren Welt?“ von großer Aktualität. Die Moderation hatte mit Dr. Thomas de Maizière MdB, Bundesminister a.D., Berlin, ein erfahrener Politiker inne. Weitere Gäste waren

Alina Giesen, Politikwissenschaftlerin, Marburg,
Carolin Hillenbrand, Politikwissenschaftlerin und Theologin, Münster
Elisabeth Kaneza, Politikwissenschaftlerin und Juristin, Potsdam
Maike Awino Rolf, Friedens- und Konfliktforscherin und Mediatorin, Bonn
Jens Stoltenberg, Generalsekretär der NATO, Brüssel/Belgien

Vgl. auch: Generationendebatten zu Klima und Friedenssicherung – von „Vertrauensbetrug“ und Vertrauensaufbau (PM der Veranstalter vom 15.5.21) https://www.oekt.de/presse/nachrichten/pm-vertrauensbetrug-und-vertrauensaufbau

Ein deutlicher Fokus des ÖKT lag bei Fragen zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz. In „Eine Stunde zu Schöpfung und Klimakrise“ wurde – der Bedeutung des Themas entsprechend – wieder live im ÖKT-Studio gefragt „Sind wir noch zu retten?“. Es ging um Themen wie: Was bedeutet große Transformation?, wir brauchen Bauern und Bienen – die Verantwortung von Politik und Gesellschaft (Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Otzberg), die Verantwortung der Verbraucherinnen (Projekt Gläsernes Restaurant) und Verkehrswende, wann kommst du? (zum letzen Thema war Tarek Al-Wazir, Wirtschaftsminister aus Wiesbaden eingeladen, unterstützt wurde er von Julia Wäger, Referentin für Ökologie bei der Kath. Landjugendbewegung Deutschlands, Bad Honnef).

Ein weiterer Beitrag zum Thema Schöpfung und Klimakrise war „For Future! Wege aus der Klimakrise“. Beim prominenten Gast Annalena Baerbock MdB, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Berlin haben sicher viele sehr genau hingehört.

„Zukunft geht nur gemeinsam: Warum Klimaschutz alle Generationen braucht“ war ein vom BR moderierter Beitrag (Dr. Katja Wildermuth, Intendantin des Bayerischen Rundfunks, München). In dem 70-minütigen Gespräch lieferten sich unter anderem Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und Luisa Neubauer, Klimaaktivistin, Fridays for Future, Hamburg, einem Schlagabtausch.
Bundeskanzlerin Merkel sieht reiche Industrieländer wie Deutschland in einer besonderen Verantwortung für die Klimawende. Beim Ökumenischen Kirchentag musste sie sich trotzdem Kritik von Luisa Neubauer anhören. Diese zeigte sich lt. einer PM der Veranstalter irritiert, dass offenbar erst gehandelt werde, wenn ein Gericht die Politik dazu zwinge. Sie selbst habe „eigentlich niemals vorgehabt, eine Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung einzureichen, auch nicht die anderen, die mit mir geklagt haben. Ich hatte auch nicht vor, Klima-Aktivistin zu werden“. Aber die Bundesregierung habe „Klimaschutz nicht nur über Jahre verschlafen, sondern blockiert. Das war Vertrauensbetrug“. Auch Daniela Ordowski, Bundesvorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands, ärgerte sich, „dass wir die Bundesregierung erst verklagen müssen, damit sie sich für unsere Grundrechte einsetzt“.
Weitere Teilnehmende dieser Diskussion waren Prof. Dr. Dr. h.c. Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Potsdam; Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Nachhaltigkeitsforscher, Oberbürgermeister von Wuppertal. Die Zuschauer*innen waren aufgerufen über Twitter und Facebook sowie den Hashtag #oekt Ihre Fragen einzubringen.
(vgl. https://www.br.de/nachrichten/kultur/kirchentag-merkel-nimmt-reiche-laender-beim-klima-in-die-pflicht,SXStcJy sowie die PM der Veranstalter vom 15.5.: https://www.oekt.de/presse/nachrichten/pm-vertrauensbetrug-und-vertrauensaufbau)

Ein weiteres interessantes Format war die Reihe „Im Gespräch“. Es bestand Gelegenheit, bekannte Persönlichkeiten kennenlernen und eigene Fragen über ein Umfragetool einzureichen. So wurden zum Beispiel die beiden Vertreter der beiden großen Kirchen Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Limburg und Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Ev. Kirche, befragt.
Bischof Bätzing ist in den letzten Wochen vor allem durch seine Offenheit und Bereitschaft zu Reformen aufgefallen, z.B. sucht er nach Wegen, um die vom Vatikan verbotene Segnung für Homosexuelle zu ermöglichen.
https://www.br.de/nachrichten/kultur/bischof-baetzing-strebt-segen-fuer-homosexuelle-paare-an,SXTQEcs

Bei Kirchentagen darf die Bibelarbeit nicht fehlen. Auch bekannte Persönlichkeiten wie Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer, die Lyrikerin Nina Gomringer oder die bekannte Bischöfin i.R. Margot Käßmann (Dr. Dr. h.c.) hatte sich dafür gewinnen lassen.

Skizziert wurde nur eine subjektive Auswahl der mehr als 100 digitalen Veranstaltungen. Wer diesen nachnutzen oder nach weiteren interessanten Beiträgen suchen möchten, kann dies noch bis Ende 2021 in der Mediathek tun, die übersichtlich gegliedert, einen einfachen Einstieg bietet.

Mit besonderen Gottesdiensten gab der 3. Ökumenische Kirchentag am Samstagabend ein Signal der Hoffnung für die Ökumene in Deutschland. Katholisch, evangelisch, freikirchlich und orthodox wurde gefeiert, Christ*innen der je anderen Konfessionen waren eingeladen.
Der BR fand dies so sensationell, dass er eine Beitrag betitelte: „Gemeinsames Mahl: Darum könnte der Kirchentag historisch werden“.
https://www.br.de/nachrichten/kultur/gemeinsames-mahl-darum-koennte-der-kirchentag-historisch-werden,SXUeaTN

Diese Einladung an alle ist Bruch mit den Vorgaben des Vatikans. Die Unterschiede im Eucharistie- und Amtsverständnis seien „noch so gewichtig“, dass sie eine Teilnahme katholischer und evangelischer Christen an der Feier der jeweils anderen Konfession derzeit ausschlössen, hieß es in einer Stellungnahme der Glaubenskongregation im Oktober. Der Limburger Bischof Georg Bätzing meinte hingegen: „Wir wollen auch in der Frage von Abendmahl und Eucharistie, soweit es geht, aufeinander zugehen. Wir wollen Zeichen der Einheit setzen.“ Die Formulierung „ökumenisch sensibel Abendmahl feiern“ könnte künftig auch im Alltag der Gemeinden gebräuchlich werden. Der renommierte Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen hat vor dem Kirchentag eine wechselseitige Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl mit guten theologischen Gründen für vertretbar gehalten. Am Ende entscheide darüber das Gewissen des Einzelnen, nicht der Priester oder die Pfarrerin.

Weitere Infos: „Kommt und seht!“ – Gottesdienste geben Zeugnis vom Stand der Ökumene (PM der Veranstalter vom 16.5.21) https://www.oekt.de/presse/nachrichten/pm-kommt-und-seht-1

Am Samstag abend war ein riesiges Kulturprogramm „Willkommen in Frankfurt am Main!“ angesagt, das von 20 bis 23.30 andauerte. https://www.oekt.de/index.php?id=188#keyword/124

Abschluss am Sonntag

Am Sonntag wurde der Abschluss gefeiert. Nach der Einstimmung mit Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier von der Weseler Werft folgte der Schlussgottesdienst des 3. ÖKT unter den Leitworten „Schaut hin – blickt durch – geht los“ von der dortigen Bühne.

Ab hier (Kursivdruck) die offizielle PM der Veranstalter vom 16. Mai 2021 im Wortlaut

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier freute sich, welch „wunderbarer Anblick“ die versammelten Menschen nach den zurückliegenden Wochen und Monaten der Pandemie für ihn seien. Er rief dazu auf, insbesondere die sozial Schwachen, die, die für andere hart schufteten, die Einsamen und Menschen, die Gewalt erfahren, nicht aus dem Blick zu verlieren. Auf das Leitwort des ÖKT bezogen mahnte er, auch weiterhin hinzuschauen: „Wir müssen Wunden heilen, die Corona in unserer Gesellschaft geschlagen hat.“ Die zunehmende Entfremdung der Menschen im Blick, fügte er hinzu: „Die Zukunft gewinnen wir nicht im Streit miteinander. Wir müssen Brücken bauen, zwischen Menschen und Gruppen, die die Pandemie verfeindet hat. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir brauchen einander.“
Den Gottesdienst leiteten gemeinsam Erzpriester Radu Constantin Miron, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Limburger Bischof Georg Bätzing und Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Es predigte ein Frauen-Duo: Mareike Bloedt, Pastorin der Ev.-methodistischen Kirche, und die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Schwester Katharina Ganz. Beide thematisierten eine neue Gerechtigkeitsdebatte, ausgelöst durch die Corona-Pandemie. Bloedt gab sich zuversichtlich: „Mitten in der Krise geht Gott mit. Er lädt sein Volk dazu ein, alles gerecht zu teilen.“ Ganz ermutigte, tatkräftig selbst für Gerechtigkeit zu sorgen: „Drücken wir uns nicht vor der Verantwortung! Wir machen einen Unterschied, wenn wir für Menschen sorgen.“
Die ÖKT-Präsidentin Bettina Limperg und der ÖKT-Präsident Thomas Sternberg formulierten gemeinsam die Botschaften des 3. ÖKT, indem sie dazu aufriefen, sich als Christ*innen für den Erhalt der Lebensgrundlagen künftiger Generationen einzusetzen, sich gegen Hass und Hetze zu stellen, die Würde des Menschen weltweit zu achten und danach zu handeln. Feindseligkeiten, Nationalismen und Machtmissbrauch sei entschieden und laut entgegenzutreten. Ganz besonders wurde den Menschen in Israel und Palästina gedacht und zum Dialog auch in scheinbar ausweglosen Situationen ermutigt.

Sehr konkret war die dringende Bitte, die Verlierer der Corona-Krise nicht aus dem Blick zu verlieren: „Als Christinnen und Christen setzen wir uns ein für Menschen, die durch die Pandemie in seelische oder wirtschaftliche Not geraten sind. Jede und jeder ist gefordert, zu helfen. Schaut hin!“ Und zum Aufbruch aus diesem ÖKT hinein in den Alltag formulierten beide: „So brechen wir auf, motiviert durch die reiche ökumenische Erfahrung. Gestärkt durch die Einladung Christi an seinen Tisch gehen wir in die Welt.“
Zum Ende des Gottesdienstes luden Bischof Gebhard Fürst, Bistum Rottenburg-Stuttgart, und der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, zum 102. Katholikentag in Stuttgart (25.-29. Mai 2022) und zum 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg (7.-11. Juni 2023) ein.
Zum Abschluss der rund 100 digitalen Veranstaltungen des 3. ÖKT und der knapp 400 gemeldeten dezentralen Angebote zogen Veranstalter und gastgebende Stadt ein positives Resümee. Oberbürgermeister Peter Feldmann blickte zufrieden zurück: „Bei diesem Ökumenischen Kirchentag war wegen der Pandemie vieles anders. Und doch ist sich der Kirchentag treu geblieben. Er stand und steht für intensive Debatten und interreligiösen Austausch. Der 3. Ökumenische Kirchentag hat gezeigt, dass digitale Räume nicht anonym sein müssen. Auch sie sind Orte des menschlichen Miteinanders. Mit Abstand Begegnungen ermöglichen – dieser Herausforderung haben sich die Macher erfolgreich gestellt. Als Frankfurter Oberbürgermeister bin ich stolz, dass wir Gastgeber dieses ganz besonderen Kirchentages sein durften.“

https://www.oekt.de/presse/nachrichten/pm-bilanz

Der 3. Ökumenische Kirchentag war also anders – konzentrierter und digitaler. Vom 13.–16. Mai 2021 wurden mehr als 100 digitale Veranstaltungen aus Frankfurt gesendet.
Es seien 165.000 Zugriffe auf Livestreams und 155.000 Zugriffe auf Downloads gezählt worden. Gekostet habe das Laienfest, das sich vor allem durch staatliche und kirchliche Zuwendungen sowie Sponsorengelder finanziert, etwa 18 Millionen Euro, wie Finanzvorstand Stephan Menzel mitteilte.
Aber auch dezentral fanden Aktionen und Gottesdienste in ganz Deutschland statt. Trotz aller Einschränkungen sollten sich vielfältige Formen von Begegnung – soweit unter Hygieneauflagen möglich – auch vor Ort ergeben.
Zum ÖKT eingeladen wurde vom Bistum Limburg, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen. Unterstützung erfolgte durch die gastgebenden Kirchen, der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, den Bistümern Fulda und Mainz sowie der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hessen-Rheinhessen (ACK).
Konkrete Pläne für einen weiteren Ökumenischen Kirchentag gebe es bislang nicht.
vgl. https://www.tagesschau.de/inland/oekumenischer-kirchentag-abschluss-101.html

In der Stadt Frankfurt flankierte ein Kunstwerk an der Hauptwache den Ökumenischen Kirchentag. Es handelte sich um eine blaue Installation aus vier Teilen in unterschiedlichen Höhen, die nach Angaben der Veranstalter der Berliner Designer Philip Wilson geschaffen hatte. Die blaue Farbe habe den Himmel symbolisiert, in dem nach christlichem Verständnis Hierarchien keine Rolle mehr spielten. Auf den unterschiedlichen Stühlen durfte unter Hygieneauflagen Platz genommen werden. Bei der Aktion „Tischlein deck dich“ gestalteten vom 8. bis 16. Mai 15 Vereinigungen und Einrichtungen die 28 mal 8 Meter große und zwei Meter hohe Riesentafel von 9 bis 19 Uhr mit einer Botschaft.
https://www.evangelisch.de/inhalte/185929/07-05-2021/installation-tischlein-deck-dich-zum-oekumenischen-kirchentag-frankfurt-mai-2021

Blick über die Landesgrenze – wie wurde Urlaub in Eckernförde wieder möglich?

Die Schlei-Region mit Eckernförde, Nordfriesland mit der Insel Sylt, die innere Lübecker Bucht sowie die Gemeinde Büsum zählten zu den Modellregionen, die unter strengen Auflagen in Schleswig-Holstein für den Tourismus öffnen durften. Diese Entscheidung hatte die „Task Force Tourismus“ (Tourismusministerium, Tourismusverband sowie u.a. die IHK Schleswig-Holstein, der DEHOGA, Städteverband und Landkreistag) aufgrund der vorliegenden Bewerbungen getroffen.
Jede der vier Modellregionen hatte eigene Regeln aufgestellt, an die sich Urlauber und Betriebe halten mussten. Auch die Starttermine und Laufzeiten waren unterschiedlich. Ebenso ließ das Konzept des Landes Schleswig-Holstein die Option offen, die Projekte zu verlängern, falls der Verlauf erfolgversprechend ist.

Eckernförde wählte die Jury deswegen aus, weil das von Touristen zahlreich besuchte Ostseebad städtische Strukturen sowie tagestouristische Aktivitäten aufweise. Außerdem gefiel das gut ausgearbeitete Konzept des Ostseebades und der gesamten Schleiregion. Die Öffnung sollte sich vor allem auf Beherbungsbetriebe konzentrieren. Dadurch sollte ein praktischer Beweis für die Einschätzung des Robert-Koch-Instituts erbracht werden, dass dieser Bereich ein niedriges Risiko darstelle. Man könne daraus Erkenntnisse für andere Orte ableiten.
In Eckernförde war die Laufzeit von 19. April bis 16. Mai 2021 terminiert. Bedingung, um überhaupt in einem Hotel Einlaß zu finden, ist für alle Urlauber ab 12 Jahren die Vorlage eines negativen Test-Ergebnisses (Antigen-Schnelltest reicht aus). Der Corona-Test muss vor der Abreise im Heimatort gemacht und das negative Ergebnis dem Gastgeber schriftlich vorgelegt werden. Es darf nicht älter sein, als 48 Stunden. Nur im Notfall kann vor Ort noch schnell getestet werden. Nach 2 Tagen muss ein erneuter Test beim Hotel vorgelegt werden. Weitere Tests sind keine Vorgabe, allerdings praktisch, weil nur mit einem aktuellen (max. 48h alten), negativen Testergebnis auch die am Projekt teilnehmenden Gastronomiebetriebe samt Innenbereichen sowie Freizeiteinrichtungen besucht werden dürfen.
Es gilt die Landesverordnung und demnach dürfen maximal 5 Personen aus 2 Haushalten zusammen reisen oder 1 Haushalt, unabhängig von der Personenanzahl.
Jede*r Urlauber*in sollte sich bewusst sein, dass es sich um ein Experiment handelt. Es wurde angekündigt, dass im Falle eines starken Anstiegs der Infektionszahlen auch ein vorzeitiger Abbruch möglich ist. Restaurants, Cafés, Campingplätze, Ferienhäuser, Hotels und andere Betriebe hätten in diesem Fall schließen, Urlauber vorzeitig abreisen müssen.
Doch es gab noch weitere Auflagen neben der Testpflicht. Gäste mussten im Vorfeld in einer Einwilligung unterschreiben, dass

  • sie am Modellprojekt teilnehmen.
  • sie bei positivem Test unverzüglich die Heimreise im eigenen Fahrzeug antreten oder sich im Notfall in der Ferienunterkunft in Quarantäne begeben (gegen Übernahme der Mietkosten).
  • sie der Erfassung, temporären Speicherung und Verarbeitung ihrer Daten im Rahmen des Modellprojektes zustimmen.
  • sie mit der Weiterleitung dieser Daten an die örtlichen und heimischen Gesundheitsämter einverstanden sind.
  • sie sich verpflichten die Luca-App zur Kontaktnachverfolgung zu nutzen.
  • sie nach Rückkehr an den Heimatort innerhalb der letzten drei Wochen erlittene Coronainfektion an das im Modellprojekt zuständige Gesundheitsamt zu melden.

Das sind strenge Auflagen. Die Medien berichteten, dass der Ansturm zu Beginn trotzdem groß gewesem sei. Die Bevölkerung von Eckernförde war anfangs skeptisch und befürchtete, die Touristen könnten das Virus einschleppen. Immerhin bestand Maskenpflicht und die Menschen hielten sich einsichtig daran.

Bereits zum Ende der Laufzeit stand fest, dass Eckernförde – wie alle Modellprojekte – wegen der landesweiten Lockerungen ab 17. Mai freiwillig das touristische Modellprojekt beenden würde, auch wenn das Wirtschaftsministerium den Verlängerungsantrag der Stadt bereits genehmigt hatte. Ab dem genannten Datum öffnet Schleswig-Holstein sein Land insgesamt wieder für Urlauber.
Max Triphaus, der Chef der Ostseefjord Schlei GmbH sagte: „Ich finde es super, dass wir am Montag von der Modellregion in die Landesverordnung wechseln. Das war unser Ziel – und das hat toll geklappt. Wir haben durch dieses Projekt einen tollen Imagegewinn und bundesweite Aufmerksamkeit erfahren. Für uns rundum ein Erfolg“.
Das gilt auch für Eckerförde*. Das Ergebnis der vorgeschriebenen wissenschaftlichen Begleitung: bislang haben sich weder Personal noch Gäste mit Corona infiziert. Die 7-Tage-Inzidenz lag am 15.5. bei 25,5. Ursächlich waren neben räumlich-strukturellen Bedingungen wohl das engmaschige System der Testungen sowie das Hygienekonzept.
Für die größere Gastronomie hat sich die Teilnahme am Modellversuch offenbar auch wirtschaftlich gerechnet, kleinere Betriebe hingegen hätten aufgrund des hohen zeitlichen Mehraufwandes (Kontakte nachverfolgen, Coronatests prüfen, Abstände einrichten, Begrenzung der Personenzahl an den Tischen) zum Teil die Teilnahme gescheut.
In Eckernförde sollen nun die gleichen Regeln gelten, wie im ganzen Land (Berücksichtigung von Impfungen und Genesungen von einer Infektion). Was vom Modellprojekt bleiben wird, ist der Einstiegstest als Bedingung. Danach aber müssen Gäste und im Tourismusbereich Beschäftigte nur noch alle 72 Stunden zur Teststation. Auch die umfassende Datenmeldepflicht entfällt nun. Aus medizinischer Sicht allerdings wird bedauert, dass die wissenschaftliche Begleitung weitgehend eingestellt wird. Man könne bei einem Anstieg der Neuinfektionen folglich nicht mehr nachvollziehen, wo diese entstanden sind (sind es tatsächlich die Touristen? Welche Bereiche sind Ansteckungsherde?).

Viele Hotels dürften dankbar über die Öffnungen gewesen sein, denn Gäste und Tourismus sind d i e Einnahmequelle. Recherchen ergeben, dass mancherorts für die Gäste drei Frühstücksschichten angeboten werden. Außerdem wird die Belegung der Tische so organisiert, dass Abstand gehalten werden muss.
Wer schon einmal in Norddeutschland Urlaub gemacht hat, kennt die Freundlichkeit der Menschen generell und der im Tourismus Beschäftigten im Besonderen. Die gute Stimmung springt sofort über und vermittelt Urlaubslaune. Diejenigen, die sich getraut haben, beim Modellprojekt mitzumachen, wurden sicher sehr herzlich aufgenommen – soweit es trotz der bürokratischen Vorgaben eben ging.

*https://www.zdf.de/nachrichten/video/panorama-modellprojekt-eckenfoerde-100.html

Weitere Quellen:`
https://www.spiegel.de/reise/deutschland/modellprojekt-schleiregion-wie-sicher-ist-der-urlaub-auf-probe-a-20fc5e39-c44b-4f23-a0f5-c3f55e6e70e5

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/coronavirus/Corona-Test-als-Eintrittskarte-Eckernfoerde-empfaengt-Touristen,eckernfoerde422.html

https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/coronavirus/Alle-Tourismusmodellregionen-im-Land-steigen-aus-Projekt-aus,modellregion158.html

https://www.ostseebad-eckernfoerde.de/files/downloads/Modellprojekt%202021/AV%20Modellregion%20Eckernf%C3%B6rde.pdf

Corona-Chronik Teil 4: Januar bis April 21

Während der „Endlosschleife Lockdown“ und nach den Lockerungen mit Notbremse seit 8. März scheint in den ersten vier Monaten des neuen Jahres 2021 nicht viel passiert zu sein – Warten, Warten, Warten. Doch wenn man genauer hinschaut, so entdeckt man feine Nuancen der Veränderung von Monat zu Monat.

Januar

Bereits Ende 2020 hatte sich das bayerische Kabinett – vielleicht um die Dramatik zu steigern – Termine am Sonntag für Sitzungen herausgesucht. Dies setzte sich 2021 an einem Feiertag fort. Am Mittwoch, 6. Januar – also Dreikönig! – gab es erneut eine Zusammenkunft, die in einen Ministerrats-Beschluss und die Verordnung zur Änderung der 11. BayIfSMV (08.01.2021) mündete. Bibliotheken, die sich schon gefreut hatten, weil Click & Collect (Abholung von Vorbestellungen) im Handel wieder möglich sein sollte, wurden enttäuscht: Sie waren hiervon zunächst ausgenommen und mussten sich weiterhin mit Liefer- und Bringdiensten begnügen.
Eine besonders hervorhebenswerte Variante war in der Stadtbücherei Würzburg anzutreffen, die mit den lokalen Radboten kooperierte und so dem Prinzip der Nachhaltigkeit vorbildlich gerecht wurde.
Am 20.1.2021 war es endlich soweit – der Service „Click & Collect“ wurde lt. Kabinettsbeschluss für Bibliotheken in Bayern analog zum Handel zugelassen.

„Ich habe mich mit aller Kraft dafür eingesetzt, dass Click & Collect in allen öffentlich zugänglichen Bibliotheken Bayerns wieder möglich sein wird …“, so Bernd Sibler, MdL, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Auch der Bayerische Bibliotheksverband e.V. (BBV) in Gestalt seines Vorsitzenden Dr. Gerhard Hopp hatte sich für die Neuregelung eingesetzt und begrüßte die Entscheidung des Bayerischen Kabinetts sehr. Letztlich sollte es vor allem darum gehen, Familien, Student*innen und Schüler*innen während der Fortsetzung des Lockdowns zu unterstützen.

Allmählich wagten sich die Bibliotheken aus der Deckung und entwickelten gemäß den rechtlichen Bestimmungen*, eine nach der anderen, Hygienekonzepte. Dabei gab es sehr unterschiedliche Vorgehensweisen: Terminvereinbarung via E-Mail, Telefon, über Formulare oder ein Online-Programm zur Terminbuchung. Ideal war es, wenn Medien kontaktlos über das Fenster ausgegeben und zurückgenommen werden konnten. Die Leser*innen blieben draußen und mussten die Bibliothek nicht betreten. Andere Bibliotheken stellten Bücherwägen im Windfang des Haupteingangs auf oder legten die Medien im Flur ab.
Einige Bibliotheken boten die Services „Click & Collect“ und Lieferservice nach wie vor parallel an, andere haben mit Einführung des Abholservices den Bringdienst eingestellt.
Viele Bibliotheken verlängerten die entliehenen Medien pauschal, so dass die angebotene Rückgabemöglichkeit über Regal, Klappe, Box etc. nicht zwingend genutzt werden musste. Wichtig waren Reinigung/Desinfektion, manche berichten von einer „Quarantäne“ oder es gab gar keine Rückgabemöglichkeit, Versäumnisbebühren konnten ausgesetzt werden. Leseausweise wurden unkompliziert via E-Mail verlängert oder neu ausgestellt, offene Gebühren überwiesen oder nach der Wiederöffnung der Bibliothek vor Ort beglichen.

Februar

So war für den Februar eine befriedigende Lösung geschaffen, den Lesebedarf der Bibliotheksnutzer*innen zu stillen. Freilich war das Packen der Lesetaschen mit viel Aufwand seitens des Personals verbunden, den die Bibliotheksmitarbeiter*innen aber gerne in Kauf nahmen. Bequemer als die Medien selber ausliefern zu müssen, war diese Service-Möglichkeit allemal. Zumal Ende Januar und Anfang Februar Schnee und Kälte die Fortbewegung und den Aufenthalt im Freien nicht gerade erleicherten.
Am 10. Februar 2021 haben Bund und Länder die Corona-Maßnahmen nochmal bis zum 7. März 2021 verlängert. Auch wenn der allgemeine Frust über die langen Schließungen stärker wurde, Bibliotheken konnten mit dem Zugeständnis, einen Abholservice ermöglichen zu können, erstmal zufrieden sein.

Selbst bei Kitas und Schulen ist etwas Bewegung eingetreten: Kindertageseinrichtungen wurden ab 22. Februar 2021 geöffnet. In Landkreisen und kreisfreien Städten mit einer 7-Tages-Inzidenz von über 100 blieben sie geschlossen. Ebenfalls ab 22.02.21 wurde für die Jahrgangsstufen 1 bis 4 der Grundschule und der Förderschule sowie alle Abschlussklassen Wechselunterricht oder Präsenzunterricht mit Mindestabstand zugelassen. Für die übrigen Jahrgangsstufen und Schularten blieb es weiterhin bei Distanzunterricht. In Landkreisen und kreisfreien Städten mit einer 7-Tages-Inzidenz von über 100 sollte in jedem Fall Distanzunterricht stattfinden.

Besonders in die Geschichte eingehen dürfte der Karneval 2021, der nicht stattfinden durfte. Kein Wunder, hatte sich doch eine Karnevalssitzung in Heinsberg 2020 als Superspreader-Event entpuppt. Normalerweise beginnen die Faschingstage mit der Weiberfastnacht, die 2021 am 11.02. gefeiert worden wäre. Rosenmontag war der 15.02. und mit dem Faschingsdienstag endete am 16.02.2021 der Phantomkarneval.
Die „Fastnacht in Franken“ in Veitshöchheim lief in diesem Jahr ganz anders ab, als sonst, vor allem: ohne Publikum. Was fehlte, waren die Gesichter der Promis aus Politik, Gesellschaft, Kirche, deren Mimik, zwischenzeitlich kurz eingeblendet, viel darüber verrät, wie das soeben Gehörte angekommen ist. Herzhaftes Lachen – da nimmt jemand „einen Angriff“ mit Humor, eher süßsaures Lächeln, da ist jemands Ego doch ein bischen angekratzt. Diese zweite Kulisse, fast so interessant, wie das Hauptprogramm, hat 2021 gänzlich gefehlt. Die Kultsendung des Bayerischen Rundfunks wurde ausnahmsweise nicht live ausgestrahlt, sondern mit Hygienekonzept und Corona-Tests aufgezeichnet und gesendet. Der Bayerische Rundfunk und das Uniklinikum Würzburg hatten in Kooperation die Schutzauflagen entwickelt. Vor allem die Auftritte der Gardetänzerinnen und Musikkapellen war nicht ganz einfach zu organisieren, denn Gruppen durften nicht gemeinsam auf der Bühne stehen.
Fastnacht in Franken (BR)
dito. – zum ersten Mal ohne Zuschauer (BR)
„Die Faschingszeit ist heuer nahezu beschränkt auf ein paar tapfere Jecken und Vereine, die trotz Pandemie online etwas auf die Bühne stellen. Egal ob Fasching, Fastnacht oder Karneval – alles fällt aus“, dieses etwas traurige Fazit zog die Mainpost am 14.2.

Die Jeckenstadt Köln gab sich das Motto „Der nächste Karneval kommt. Köln hält durch. Gemeinsam.“ Wegen der Corona-Pandemie fiel der Sitzungs- und Straßenkarneval in der Session 2021 nahezu komplett aus. Klassische Karnevalssitzungen oder Partys konnten ebensowenig stattfinden wie Karnevalszüge mit Menschenaufläufen in der bekannten Form. Allerdings hatte sich auch hier das Karnevalkomitee etwas besonderes einfallen lassen – den wohl außergewöhnlichsten Rosenmontagszug, den Köln je gesehen hat. Bedingt durch die Coronapandemie, inszenierten die Organisatoren gemeinsam mit dem Hänneschen-Theater einen Miniaturumzug mit Jecken und Wagen im Stockpuppenformat, der Poppezoch wurde sogar im TV ausgestrahlt und weckte große Begeisterung.
Tourismus Köln Karneval

Der Aschermittwoch (17.02) läutete den Beginn der Fastenzeit ein. Der Aschermittwoch der Künstler in Köln, der ganztägig viele Kulturschaffende vor Ort bei einem qualitätvollen Programm versammelt, wurde abgesagt, lediglich ein virtuelles Orgelkonzert diente als Ersatz-Event. In Würzburg lud Bischof Dr. Franz Jung in Zusammenarbeit mit der Abteilung Kunst des Bischöflichen Ordinariats Würzburg Kunstschaffende unter dem Motto „Weisheit, Armut, Demut, Liebe – 800 Jahre franziskanische Spiritualität in Deutschland und Würzburg als Wegweiser durch die österliche Bußzeit“ in die Würzburger Franziskanerkirche ein. Entsprechend den aktuellen Corona-Vorgaben bekamen die Künstler*innen das Aschenkreuzt aufgelegt.
Überhaupt fragte man sich 2021 nach dem Sinn einer Fastenzeit: leisteten wir nicht seit Beginn der zweiten Welle und vor allem seit Start des am 29.10.20 in Bayern verkündeten Teil-Lockdowns Verzicht? Was sollte, wollte man da noch draufsatteln?
Ein Lichtblick war hier die Fastenaktion der Evangelischen Kirche „Spielraum – Sieben Wochen ohne Blockaden“, die dazu aufrief, in Corona-Zeiten Begrenzungen im Denken und Handeln hinter sich zu lassen. Im Eröffnungsgottesdienst am Sonntag, 21. Februar 2021 in der Johannesgemeinde im hessischen Eltville-Erbach, der im ZDF übertragen wurde, war der von Moses angeleitete Auszug aus Ägypten zentrales Thema – es ging um den mühsamen Weg in die Freiheit. Mit dabei waren Regionalbischöfin i.R. Susanne Breit-Keßler, 7 Wochen Ohne-Geschäftsführer Arnd Brummer und Pfarrerin Bianca Schamp. Der von einer Sängerin mit Blues-Stimme vorgetragene Gospel-Song „Go down Moses“ schickte einen regelrecht auf die Reise in ein anderes Land, ein neues Leben.
Bischof Jung in Würzburg setzte erstmalig Social Media während der Fastenzeit ein und führte Interviews mit ausgewählten Personen, die in den Sozialen Medien veröffentlicht wurden. Für diese Instagram-Gespräche waren Menschen aus dem Bistum Würzburg ebenso wie Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Dr. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Bischof Bernardo Johannes Bahlmann aus dem Würzburger Partnerbistum Óbidos in Amazonien/Brasilien vorgesehen. Die Talkserie stand unter dem Titel „ausgetauscht“ und dem Hashtag „zwei1einhalb“. Dies bedeutete: Es tauschen sich zwei Personen (Bischof und Gesprächspartner*in) zu einem Thema, in einer halben Stunde aus.
pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/bischof-talkt-erstmals-auf-instagram

März

Im März begann es zu brodeln. Vor allem die Freien Wähler in Bayern hatten sich immer wieder für Lockerungen ausgesprochen, um dem Handel eine Perspektive zu eröffnen. Andererseits war jetzt schon absehbar, dass die britische Mutante sich in Deutschland eingenistet hatte. Als vernünftige*r Bürger*in dachte man sich: hoffentlich wird nicht jetzt gelockert, auf zwei Wochen kommt es nun wirklich nicht an. Die Virolog*innen und andere Akteure hatten sich auf die Zero Covid oder No Covid Strategie versteift, die in ihrer Rigidität auch nicht so ganz wirklichkeitsnah erschien. War dies angesichts der momentanen Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenzen jemals zu schaffen, auf eine Wert um die 0 oder maximal unter 35 zu gelangen? Diese Aussicht schien wenig verlockend, um die Bevölkerung zu motivieren, weiterhin durchzuhalten. Zudem weckte der Modellversuch Tübingen Hoffnung, wo es gelang mit Testungen die Fallzahlen auf moderatem Niveau zu halten und mehr Öffnungen zu ermöglichen.

Bei der Bund-Länder-Besprechung vom 3.3.21 schließlich wurde ein gestufter Öffnungsplan beschlossen, in Bayern wurden die Beschlüsse am 4.3.21 in einer Kabinettssitzung angepasst. Seit dem 8. März 2021 können Büchereien, Archive und Bibliotheken- unabhängig vom Inzidenzwert – wieder öffnen.
Als Voraussetzung sind ein entsprechendes Hygienekonzept und die Begrenzung auf einen Kunden je 10 m² für die ersten 800 m² Fläche und darüber hinaus einen Kunden je 20 m² genannt, zudem der Mindestabstand von 1,5 m. Die Kundinnen sollen weiterhin FFP2-Masken gemäß § 12, Absatz 1, Satz 4, Punkt 3 benutzen. Diese Öffnungsmöglichkeit fußt auf der rechtlichen Grundlage, dass Bibliotheken den Geschäften des täglichen Bedarfs gleichgestellt sind, die unabhängig von der Inzidenz zugänglich sein dürfen.
12. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung

Es galt und gilt allerdings: Bibliotheken müssen nicht öffnen, wenn die 7-Tage-Inzidenz über 100 steigt, es gibt lediglich die Option dazu. Jederzeit ist es möglich, den Abholservice beizubehalten oder zu diesem Angebot zurückzukehren.
Ähnlich wie bei der Gestattung von Click & Collect passten die Bibliotheken ihre Hygienekonzepte an und sprachen diese mit den lokalen – und Kreisbehörden ab. In der Regel gibt es strenge Auflagen gemäß der rechtlichen Vorgaben und es werden oft nur Ausleihbetrieb angeboten und die Aufenthaltsdauer reduziert. Um die Zahl der Besucher*innen zu kontrollieren gibt es die verschiedensten kreativen Lösungen: Körbe, Buchcover, Murmeln etc.

Am 14.3.21 berichtete RND Deutschland, dass die Corona-Inzidenz auf den Balearen unter 25 gesunken ist und das Auswärtige Amt die Reisewarnung für Mallorca und andere Inseln aufheben würde. Folglich wurde die Inselgruppe vom Robert-Koch-Institut nicht länger als Risiko-Gebiet eingestuft. Für Urlauber*innen aus Deutschland war jetzt keine Quarantäne mehr notwendig, allerdings galt ab 30. März die Regelung, dass sich alle Auslandsreisenden vor dem Rückflug nach Deutschland testen müssen.
Es setzte ein regelrechter Ansturm auf Mallorca-Reisen ein, vor allem über Ostern wollten viele die sonnige Insel genießen. Der Mallorca-Boom rief bei der Politik und bei vielen Bürger*innen, die sich an die Auflagen, nicht zu verreisen, hielten, Empörung hervor. Der SPD-Gesundheitsexperte, Karl Lauterbach, warnte vor der brasilianischen Mutation, die auf der Insel vorgekommen sein soll und bei Einschleppen nach Deutschland die Ausbreitung einer impfresistenten Virus-Variante zur Folge hätte.
Die Flüge nach Mallorca waren den Ministerpräsident*innen insbesondere bei der Bund-Länder-Konferenz am 23.3.21 ein Dorn im Auge. „Wir halten insgesamt Reisen im Augenblick für nicht sehr förderlich, um es vorsichtig auszudrücken“, so die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man versuche deshalb alles, um „keine neuen Infektionsherde zu uns zu bringen … Deshalb haben wir mit den Fluggesellschaften vereinbart, dass Tests von Crews und Passagieren vor dem Rückflug stattfinden. Wir werden das Infektionsschutzgesetz ändern und angesichts der vorliegenden weltweiten Pandemie insgesamt eine generelle Testpflicht vor Abflug zur Einreisevoraussetzung auf Flügen nach Deutschland vorsehen“, sagte Merkel.

Die Besprechung hatte sich zeitlich hingezogen, die Pressekonferenz war am frühen Abend angekündigt und immer wieder verschoben worden. Die Bundeskanzlerin trat schließlich gegen 2.30 Uhr am Dienstagmorgen auf die Bühne. U.a. sollten vom 1. bis zum 5. April das öffentliche, wirtschaftliche und private Leben weitgehend heruntergefahren, Ansammlungen verboten und strikte Kontaktbeschränkungen verhängt werden. Auch Oster-Gottesdienste sollten nach Möglichkeit nur virtuell stattfinden, so die Bitte an die Religionsgemeinschaften. Die Kirchen, die sich auf ihre Hygienekonzepte beriefen, zeigten sich sehr erstaunt.
MPK-Beschlüsse vom 23.3.21
Kurz danach am 24.03.2021 erfolgte ein Rückzieher von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Beschluss habe sich in dieser Form als rechtlich nicht umsetzbar erwiesen, dafür entschuldigte sie sich bei der Bevölkerung und man zollte ihr dafür Respekt.

April

Das christliche Osterfest war – quasi durch die Fahrigkeit eines Beschlusses, den Bundeskanzlerin und Ministerpräsident*innen zu nächtlicher Stunde in nicht ausgereifter Form gefasst hatten – gerettet, soweit die Kirchen dem Anliegen, Messen auszusetzen überhaupt gefolgt wären. Die Kartage, Messen zur Osternacht und Auferstehung durften stattfinden. Nicht ganz einfach war es zu Zeiten der Pandemie, die Botschaft vom Durchbruch neuen Lebens zu vermitteln. Die Zusage von Hoffnung und Zuversicht allerdings dürften viele Menschen dankbar aufgegriffen haben.

Anlass dazu besteht, trotz des Durcheinanders der in den unterschiedlichen Ländern geltenden Vielfalt von Regeln. Zwar ist das Impftempo in Deutschland moderat, aber die Quote der Geimpften nimmt von Tag zu Tag ein Stück zu und liegt mittlerweile bei über 20%, was die Erstimpfungen betrifft.
Zwar sind Tests kein Mittel, sich vor Infizierungen zu schützen, doch geben sie ein Stück Freiheit zurück, wenn beispielsweise durch Schnelltest nach rund 15 Minuten für 24 Stunden lang ein ungezwungenes Zusammensein mit anderen Menschen oder Einkaufen bei einer Inzidenz über 100 ermöglicht wird. Jedem Bürger steht ein kostenfreier Test pro Woche zur Verfügung, er kann dafür eingerichtete Teststellen oder Apotheken nutzen, die nach negativem Befund den gewünschten Freibrief für begrenzte Zeit ausstellen dürfen.
Tests sollen vor allem auch in Schulen und Betrieben** für die in Präsenz Anwesenden mehr Sicherheit bieten. Die Selbsttests in der Schule werden je Person in der Regel zweimal pro Woche (bei einer Sieben-Tage-Inzidenz über 100 ggf. auch öfter) durchgeführt.
In puncto Schulen ist dies besonders dringend, da die 7-Tage-Inzidenz von Kindern und Jugendlichen nach einem Bericht des Heute-Journal (16.4.21) deutlich höher liegen kann, als bei Erwachsenen.

Die Reisen nach Mallorca boomten weiterhin. Wer sich allerdings auf ein lockeres Leben in Freiheit gefreut hatte, wurde enttäuscht. In Mallorca gibt es strenge Auflagen: Maskenpflicht draußen wie drinnen im öffentlichen Raum, nächtliche Ausgangssperre, seit 24.4. von 23 bis 6 Uhr, Auflagen für den Hotelaufenthalt. Restaurants, Cafés und Bars dürfen mit eingeschränkter Kapazität öffnen – nur die Außenbereiche – bis 17 Uhr. Seit 24. April können die Betriebe zusätzlich montags bis donnerstags zwischen 20 und 22.30 Uhr Gäste auf den Terrassen bewirten. Im Freien dürfen sich höchstens sechs Menschen draußen treffen, Geschäfte können mit unterschiedlicher Kapazität für Kund*innen öffnen. Geschäfte, die nicht dem täglichen Bedarf dienen, dürfen bis 21 Uhr zugänglich sein.
Reisereporter: Regeln Mallorca
Am 25.4. stellte die Welt (Dirk Schümer) fest, dass allen Unkenrufen zum Trotz das Tourismusmanagement in Mallorca die Situation gut bewältigt. Das Reisekonzept der Veranstalter, unter Schutzauflagen Ferien anzubieten, scheint aufzugehen.

Zwischenzeitlich gibt es auch für Reisen in Deutschland einen Hoffnungsschimmer. Schleswig-Holstein kann sich als einziges Bundesland über eine 7-Tage-Inzidenz < 100 freuen und plante, verschiedene Modellregionen unter strengen Auflagen für den Tourismus zugänglich zu machen. Die Öffnung Lübecker Bucht / Timmendorfer Strand musste zunächst verschoben werden (erst seit Samstag, 08.05.2021 offen), dafür freuen sich die Ostseehafenstadt Eckernförde sowie die Schleiküste über Urlauber. Voraussetzung ist ein weniger als 48 Stunden alter negativer Corona-Test bei der Einreise, ein weiterer nach 48 Stunden vor Ort. Restaurants innen sind nur mit Kontaktdatenerfassung sowie Bestätigung einer vorgelegten Testung zugänglich. Zur Kontaktdatenverfolgung wird die Luca-App eingesetzt. Am 26.4. wies der Kreis Rendsburg-Eckernförde eine 7-Tage-Inzidenz von 56,9 auf, nach einer Woche Testbetrieb Touristik scheinen die Verantwortlichen die Öffnung unter Auflagen im Griff zu haben. Ähnlich werden in Nordfriesland alle Inseln, Halligen und das Festland zum 1. Mai öffnen.

In Schleswig-Holstein herrschen also paradiesische Zustände, während im Rest der Republik die Bundesländer mit der Notbremse zu kämpfen haben.
Am 26.4. liegt die Inzidenz in keinem anderen Bundesland < 100, in Sachsen und Thüringen > 200, in Ba-Wü, Bayern, Bremen, Hessen, NRW und Sachsen-Anhalt > 150.

Da die Zahl der Neuinfektionen immer weiter nach oben geklettert war, die Bundesländer sich aber nicht wirklich an die in der Bund-Länder-Konferenz beschlossene Notbremse ab einer 7-Tage-Inzidenz von 100 hielten (die Regelungen hinsichtlich Schulen und Öffnung des lokalen Handels wurden unterschiedlich ausgelegt), beschloss die Bundeskanzlerin das Bundesinfektionsschutzgesetz anzupassen und die Notbremse auf dieser Ebene zu verankern. Das Gesetz*** wurde im Bundestag diskutiert, ging am Do, den 22.4. durch den Bundesrat und trat ab 24.4. in Kraft. Es ist umstritten, gilt nicht als der große Wurf und die Freien Demokraten haben eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen die Bundesnotbremse angekündigt.
In dem neuen Gesetz sind Bibliotheken nicht explizit erwähnt, folglich gelten die Landesverordnungen für diese zunächst weiterhin und es stand ad hoc keine grundsätzliche Änderung der inzidenzunabhängigen Öffnung bevor, lediglich die Personenbegrenzung wird ab 7-Tage-Inzidenz 100 analog zum Handel weiter verschärft.

Zieht man Ende April eine Bilanz, so ruft die Pandemie-Lage weiterhin gemischte Gefühle hervor. Anfang März wurde ein Stufenplan mit Lockerungen samt Notbremse in Kraft gesetzt, die sich zunächst als rostig erwies. Nicht alle Bundesländer wollten die Kraft aufbringen, diese zu ziehen.
Allmählich steigt allerdings die Impfquote, Gesundheitsminister Spahn möchte Ende Juni die Impfpriorisierung Schritt für Schritt aufheben, ohne dass jedem gleich und sofort ein Impfangebot gemacht werden kann. Die Einsatz von Schnelltests gestattet das Öffnen unter Auflagen für bestimmte Bereiche.
Im Gegensatz zu Schleswig-Holstein musste in Bayern das Projekt Modellstädte, das schrittweise die Öffnung von einzelnen Bereichen unter Auflagen beinhalten sollte, aufgeschoben werden. In Tübingen ist nach Erreichen der 100-Inzidenz ebenfalls Schluss mit dem Modellprojekt. Wann gelingt es, die dritte Welle zu brechen und weiter nach Stufenplan voranzuschreiten? Das ist die spannende Frage. Immerhin spielt das Wetter mit und wartet Ende April mit Sonne und Wärme auf – die Kirschblüte in weiß und rosa strahlt aus voller Kraft. Wir wissen aus dem Vorjahr, dass die frühsommerlichen Temperaturen sehr förderlich waren, um das Virus einzudämmen. Ob das auch für die Britische Mutante B117 gilt? Das steht in den Sternen. Zumindest lässt es sich an der frischen Luft ein bischen besser ertragen, wie stark noch immer die Einschränkungen sind. Beispielsweise dass für Kultur, Kunst und Reisen bei einer Inzidenz > 100 entweder die Notbremse greift oder noch keine weiteren Planungen für eine Öffnung auf dem Tisch liegen.

Angelehnt an das Motto zum Kölner Karneval 21 bleibt da nur zu sagen: der nächste Karneval, die nächste Reise, das nächste Konzert, die nächste Theateraufführung, die nächste Ausstellung etc. kommen bestimmt. Wir halten durch. Gemeinsam.

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*§ 22: Bibliotheken, Archive
1 Bibliotheken und Archive sind geschlossen. 2 Abweichend von Satz 1 ist die Abholung von bestellten Büchern und Medien in Bibliotheken und Archiven zulässig; hierfür gilt § 12 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1, 3 und 4 entsprechend mit der Maßgabe, dass im Schutz- und Hygienekonzept insbesondere Maßnahmen vorzusehen sind, die eine Ansammlung von Nutzern etwa durch gestaffelte Zeitfenster vermeiden.
§ 12: Handels- und Dienstleistungsbetriebe, Märkte
(1) 4 : – Der Betreiber hat durch geeignete Maßnahmen sicherzustellen, dass grundsätzlich ein Mindestabstand von 1,5 m zwischen den Kunden eingehalten werden kann.
– In den Verkaufsräumen, auf dem Verkaufsgelände, in den Eingangs- und Warteflächen vor den Verkaufsräumen und auf den zugehörigen Parkplätzen gilt für das Personal Maskenpflicht und für die Kunden und ihre Begleitpersonen FFP2-Maskenpflicht; soweit in Kassen- und Thekenbereichen von Ladengeschäften durch transparente oder sonst geeignete Schutzwände ein zuverlässiger Infektionsschutz gewährleistet ist, entfällt die Maskenpflicht für das Personal.
– Der Betreiber hat für den Kundenverkehr ein Schutz- und Hygienekonzept auszuarbeiten und auf Verlangen der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde vorzulegen.

**Arbeitgeber werden verpflichtet, Beschäftigten, die nicht im Homeoffice arbeiten können, einmal pro Woche einen Corona-Test anzubieten

***Viertes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite vom 22. April 2021

Schlehenzauber

Schlehen oder auch Schlehdorn bzw. Schwarzdorn – wann habe ich diese Sträucher erstmals bewusst wahrgenommen? Aus meiner Kindheit sind mir vor allem die Sträucher mit den dunkelblauen Beeren in Erinnerung, die ich ansonsten nicht weiter beachtet habe.
Der Schlehdorn zeigt sich – neben der Kirschblüte – in der Natur, bevor die Obst- und Laubbäume ihre Knospen entfalten. Die Schönheit dieser eigentlich gemein wirkenden Büsche ist mir letztes Jahr besonders aufgefallen. Der Frühling 2020 wartete mit bestem Wetter auf. So war es eigentlich kein Wunder, dass auch diese Pflanze als Vorbotin ihre weiße Pracht weithin ausbreitete. Nahezu magisch zogen mich die Büsche immer wieder an. Immer wieder lenkte ich meine Schritte daraufhin zu. Ich lernte, dass es gilt, den hellen Schlehenzauber zu genießen, denn er währt nur kurze Zeit.

2021 war der April sehr wechselhaft und von schwankenden Temperaturen geprägt – Wärme, Sonne, Frost, Hagel, Schnee und Kälte. Die Magnolien kamen zwar zur Blüte, aber nicht in der geballten Kraft, wie sonst üblich, sondern sie wirken wie auf halbem Weg stecken geblieben. Jetzt trübt das ein oder andere braune Blatt deren Schönheit.
Da wundert es schon, dass die Schlehen ungeachtet der Wetter-Widrigkeiten ihren hellen Schirm aufgespannt haben. Begibt man sich in die Wildnis, kann man die Sträucher in ihrem variantenreichen Wachstum bewundern. Mal richtet sich der Blick auf die einzelnen Blüten, aus denen feine Härchen heraussprießen, mal tauchen dicke weiße Trauben vor dem Gesicht auf. Überhaupt lohnt es sich, die Augen im Gebüsch umherschweifen zu lassen. Ähnlich wie man ein Kunstwerk ertastet, kann man sich von einem Astgeflecht zum nächsten hangeln und an der hellen Blütenverkleidung erfreuen. Das Weiß legt sich sanft auf die Netzhaut und sackt tiefer bis zur Seele. Es stellt sich ein Empfinden von Frieden, Freude und Hoffnung ein – als ob man mitten in seine Hochzeit geraten wäre.
Man kann die verzweigten Sträucher aber auch befragen, welche Zukunft sie prophezeien. Eine Antwort geben sie nicht, aber die labyrinthischen Verästelungen lassen vielsagend Vielschichtiges ahnen.

Auch in diesem Jahr beschließe ich, dass die Schlehe zu einer meiner Lieblingspflanzen zählt. Gerade in dieser Phase der Pandemie, die uns nochmal einiges an Kraft abverlangen wird, kann der Strauch viel Positives mit auf den Weg geben: der Schlehdorn wächst frei und wild in die Höhe und lässt sich in seinem Wachstum nicht bremsen. Er trotzt dem Wetter und übersteht selbst die Aprilkapriolen 2021, er lässt sich nicht unterkriegen und blüht trotzdem munter vor sich hin – voller Widerstandskraft. Seine Helligkeit verbreitet Zuversicht und Optimismus, verstärkt wird dieser Eindruck vor allem dann, wenn die Zweige nicht für sich allein stehen, sondern sich ineinander verschränken, gegenseitig überlappen – also ein Netzwerk bilden.

Schlehenelixier soll übrigens ein geeignetes Stärkungsmittel nach Infektionskrankheiten sein – das wundert mich nun gar nicht mehr 🙂 Aber auch dem Blütenaufguss wird heilende Wirkung bei Durchfallerkrankungen, Blasen- und Nierenproblemen und Magenbeschwerden (insbesondere bei Kindern) nachgesagt.
Die Schlehenfrüchte reifen ab etwa September und können beispielsweise zur Herstellung von Fruchtsaft und Obstwein sowie Marmelade und als Zusatz zu Likör (Schlehenlikör bzw. „Schlehenfeuer“) verwendet werden. September – da klingelt bei mir etwas. Lt. Prognose sollten wir bis dahin in der Pandemiebewältigung einen guten Schritt vorangekommen sein. Vielleicht können wir uns dann tatsächlich zur Belohnung an den köstlichen Schlehen-Erzeugnissen erfreuen. Ich werde mich in jedem Fall daran erinnern, wie gut mich die Schlehe in dieser schwierigen Phase des Lebens begleitet hat.

New York – eine Stadt erwacht zum Leben

„Die Stadt, die erstmals schläft“

Auch New York musste im Frühjahr letzten Jahres in den Lockdown. Die Corona-Fallzahlen bewegten sich zunächst in etwa auf dem Niveau der Stadt München, am Sonntag nachmittag, den 15. März 2020 schließlich wurde die USA vom RKI zum Risikogebiet erklärt. Ähnlich wie in Deutschland mussten ab 20. März 2020 alle Menschen wegen Covid-19 zu Hause bleiben. Präsident Trump lancierte noch dumme Sprüche, als allmählich bereits das Ausmaß der Krise in den USA sichtbar wurde.

Am 24. März stellte Thorsten Denkler in der SZ fest, dass auf einen Erkrankten nur noch 700 Einwohner kämen. In New York City waren ein Drittel aller Fälle in den USA dokumentiert. Fünf Prozent der weltweiten Covid-19-Fälle gäbe es jetzt in New York. Die Stadt sei zu einem der großen Corona-Epizentren der Welt geworden. Angst verbreitete sich, denn man sah Zustände wie in Norditalien voraus. Gouverneur Andrew Cuomo ordnete an, dass die Krankenhäuser ihre Intensivkapazitäten um 50 Prozent erhöhen müssten. In New York nahm das Virus so richtig Fahrt auf. (1)

Mehr als eine halbe Million Menschen in den Vereinigten Staaten sind an oder mit Corona verstorben (2), davon mehr als 30.000 Menschen in New York City. Hochgerechnet auf die Bevölkerungszahl in Deutschland wären das etwa 300 000 Tote. Zu zögerlich habe New York aufgrund der Pandemie reagiert. Auf dem Höhepunkt im vergangenen April 2020 wurden bis zu 1 000 Tote – pro Tag gezählt.
Bei den Geschäften rund um den Times Square brach die Wirtschaftsleistung um 87 Prozent ein. Hunderttausende standen ohne Arbeit da. (3)

Neues Erwachen (3)

Der Gouverneur legte Anfang des Jahres einen Plan vor. Denn er meinte, man könne nicht länger warten, man hätte sonst nichts mehr zum Öffnen, der Preis sei zu hoch. Man müsse smart und sicher lockern.

„Kunst, Kultur und Live-Veranstaltungen sind das Herz von New York“, sagte Bürgermeister Bill de Blasio bei einer Pressekonferenz. „Heute bringen wir sie zurück.“ Ab dem 1. März 2021 war es kulturellen Einrichtungen gestattet, Anträge zu stellen, um auf bestimmten Straßen und Plätzen der Millionenstadt Kunstausstellungen oder kulturelle Vorstellungen zu präsentieren (4)

So kehrt in New York das Leben allmählich zurück, wie Johannes Hano in Reportagen für das ZDF berichtet (3; Quelle für den folgenden Abschnitt). Die Restaurants dürfen wieder mit 50 Prozent belegt werden, Kinos und Museen öffnen und die Geschäfte können wieder betreten werden. Alles vorsichtig und mit strengen Infektionsschutzbedingungen, aber Hoffnung sei in die von Corona gebeutelte Stadt zurückgekehrt.
Bei den Interviewten herrscht Optimismus: „wir denken, wir können überleben, auch wenn es noch nicht wie vor der Pandemie ist“, „es wird langsam besser – wir werden eine glänzende Zukunft haben. Wir sind noch nicht wieder auf Vor-Pandemie-Level, aber wir werden dahin kommen. Im Sommer wohl schon“.
Finanziert von Stadt und Bundesstaat finden an vielen Orten in New York Pop-Up-Konzerte, Tanzaufführungen vor Publikum uvm. statt, überall in der Stadt treten Musiker*innen, Performer*innen auf und bringen neuen Mut zurück. Prominente Künstler zeigen sich in Museen, Garagen, öffentlichen Plätzen und hinter Schaufenstern leerstehender Läden, unangekündigt, um Gruppenbildungen zu vermeiden. All dies soll zum Wiederauf- und Überleben der Kulturszene beitragen. Eine Atmosphäre, die das Wesentliche von New York ausmacht, soll wieder spürbar werden. Momentan wird Kultur als „Energiebombe“ erlebt, es passiere permanent etwas, mehrere Auftritte würden gleichzeitig stattfinden, das sei New York.

Angesichts einer 7-Tage-Inzidenz in New York City, die noch immer bei etwa 300 liegt, rufen die Öffnungen Verwunderung hervor. Die 7-Tage-Inzidenz sei allerdings bei der Bewertung des Verlaufs und der zu ergreifenden Maßnahmen nicht die entscheidende Größe gewesen. Kriterien waren und seien die Prozentzahl an positiv Getesteten, Krankenhauskapazitäten, schwere Verläufe und Todesfälle. Alle drei Faktoren seien seit Anfang Februar rückläufig.

Das New Yorker Öffnungskonzept stütze sich auf drei Säulen:

  • Masken – Nahezu alle tragen sie – auch im Freien (auf der Straße, im Park oder am Meer). Das Stück Stoff werde einfach integriert in den Alltag, es sei ein Preis, der gerne gezahlt werde.
  • Tests – Schon seit vergangenem Sommer können sich alle New Yorker umsonst testen lassen, wo und sooft sie wollen. Noch nicht einmal mit Schnelltests – diese werden gar nicht verwendet, sondern mit den teureren und genaueren PCR Tests. Dies ist möglich bei Ärzten, in Testzentren oder in mobilen Einrichtungen auf der Straße, das Ergebnis sei in 24 Stunden verfügbar.
  • Impfen – Fast 30 Prozent der New Yorker haben schon ihre erste Dosis bekommen. Bei Apotheken, Ärzten, Impfzentren – sogar ein U-Bahnfahrplan zeige Impfzentren und Details dazu an (welcher Impfstoff wird verimpft, wer ist impfberechtigt? Wie kann man einen Online-Termin vereinbaren). Ende März überraschte der Bürgermeister mit der Nachricht, dass Menschen ab 30 geimpft werden könnten, ab 6. April alle über 16 Jahre.

Impfen ist der entscheidende Faktor

Von diesem Impftempo kann Deutschland nur träumen. Aber es ist der entscheidende Faktor und lässt wieder Öffnungen zu. „Ich bin stolz verkünden zu können, dass wir (…) 58 Tage nach dem Amtsantritt meiner Regierung, mein Ziel erreicht haben werden, unseren amerikanischen Mitbürgern 100 Millionen Spritzen zu verabreichen“, erklärte US-Präsident Joe Biden. Eigentlich hatte er sich für die Erfüllung des Versprechens 100 Tage im Amt Zeit gegeben.“(5)
„Das entspricht fast einem Drittel der Gesamtbevölkerung von rund 330 Millionen Menschen. Daten der Gesundheitsbehörde CDC zeigten, dass die Zahl der erstmals Geimpften auf 101,8 Millionen gestiegen ist. Rund 58 Millionen Menschen sind bereits vollständig geimpft. In der besonders gefährdeten Altersgruppe über 65 haben dem CDC zufolge bereits drei Viertel aller Amerikaner eine Impfung erhalten, rund 54 Prozent gelten als vollständig geimpft. Die US-Regierung hat angekündigt, bis Ende Mai genügend Impfstoff für alle rund 260 Millionen Erwachsenen in den USA zu haben.
In den USA werden drei Impfstoffe genutzt: Die Präparate von Moderna und Biontech/Pfizer, bei denen jeweils zwei Dosen gespritzt werden, und die Impfung von Johnson & Johnson, die bereits nach einer Dosis ihre volle Wirkung entfaltet.“ (6)

Auch Deutschland wird es schaffen!

Kann sich Deutschland etwas abschauen von diesem Konzept? Die Öffnung bei hoher 7-Tages-Inzidenz erscheint waghalsig. Zumindest das Impftempo ist beispielhaft. Bei uns wurden die Weichen früh anders gestellt, zum Nachteil für das Vorhandensein von Impfstoff. Sicher werden wir bei allem ein bischen langsamer voranschreiten und mehr Zeit brauchen. Aber auch wir werden es schaffen! New York ist zu wünschen, dass der Mut zu Lockerungen nicht von steigenden Infektionszahlen konterkariert wird.

(1) https://www.sueddeutsche.de/politik/new-york-city-coronavirus-1.4855264

(2) https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.new-york-nach-dem-lockdown-was-durch-corona-kam-und-was-bleibt.5ba3b8f2-eb89-45f0-8bad-323af5ad4323.html

(3) https://www.zdf.de/nachrichten/politik/new-york-corona-lockerungen-100.html
siehe auch: https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/impfen-und-oeffnen-100.html
beides: Quellen für die Fakten aus New York

(4) https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.corona-lockdown-in-new-york-kultur-soll-open-air-starten.2267f640-0d4f-490c-a259-7cac1259380e.html

(5) https://www.dw.com/de/biden-l%C3%B6st-impfversprechen-vorzeitig-ein/a-56923223

(6) https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/coronavirus-news-ticker-kw-13,ST1F8ka (3. April 20:38 Uhr)

Außerdem: https://www.spiegel.de/politik/ausland/new-york-city-lockert-den-corona-lockdown-und-sucht-seine-seele-a-da22d57d-fe2e-4280-8ddf-eb9e0359abc4

Karfreitag: Sterben an oder mit dem Coronavirus

Bergamo

Norditalien wurde zum Trauma und zur Warnung für die umliegenden Länder. Die Lombardei war von der ersten Corona-Welle besonders getroffen, insbesondere die Stadt Bergamo. Allein im März 2020 starben dort 670 Menschen an Covid-19. Fast jede*r der 120 000 Bewohner*innen hat Familienmitglieder, Freund*innen oder Kolleg*innen verloren. Am traurigsten waren die Nachrichten vom einsamen Sterben. Das Schreckenswort Triage geisterte durch die Medien. Angehörige durften nicht ins Krankenhaus, nicht zum letzten Geleit kommen – im besten Falle gelang eine Verbindung über Skype.

Bis zu 70 Särge pro Tag wurden im Frühling vergangenen Jahres von Armeefahrzeugen aus Bergamo abgeholt – die Leichenhallen waren überfüllt, für die Bestattung blieb nur wenig Zeit. Viele Toten erhielten keinen Grabstein, stattdessen provisorisch Schilder, auf denen Namen und Fotografien der Verstorbenen zu sehen waren – zeitweise fanden alle 30 Minuten Beerdigungsfeiern statt. Die Familien konnten nicht einmal richtig Abschied nehmen.
2021 wurde erstmals am 18. März ein Trauerakt veranstaltet. Italien erinnerte in Bergamo an seine mehr als 100 000 Corona-Toten.*

Trauer in Deutschland

In Deutschland sind mehr als 75 000 Menschen aufgrund der Infektion mit dem Coravirus eines qualvollen Todes gestorben.
In Etappen hat sich der Gesundheitszustand der Erkrankten verschlechtert. Erst Fieber und Husten, dann Atemnot, dann Krankenhaus, dann Sauerstoff, dann Intubation, dann das Ende.

Oftmals konnten Familienmitglieder und Freunde aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen nur in einem sehr kleinen Kreis oder auch gar nicht Abschied nehmen. Wer den letzten Weg nicht begleiten konnte, fühlt sich schuldig, wird kaum fertig damit, empfindet tiefes Leid.**

Besonders berührend ist eine Gedenk-Seite des Tagesspiegels
Auf der schwarzen Website der Zeitung wird eindringlich deutlich, dass Tote nicht nur eine Statistikzahl sind – 3071 Berliner*innen starben bereits am oder mit dem Coronavirus.
Die Toten bekommen ein Gesicht und es wird spürbar, dass ein individuelles Leben dahinter steht, ein Mensch, der etwas besonderes war, der die Gesellschaft mitgeprägt hat und dessen Träume zerstört sind. Sehr viele alte Menschen über 80 sind mit Bild und Kurzbeschreibung zu sehen, aber auch Altersgruppen darunter. Besonders erschrecken die ganz jungen Toten:

Soydan Arslan, 39
Lehrer
Gestorben am 17. Dezember 2020
Seine Schülerinnen und Schüler begleitete er mit großem Einsatz und aus voller Überzeugung, für sie als ihr Lehrer da sein zu wollen.

Aline Laaser, 28
Studentin
Gestorben am 26. Dezember 2020
Sie liebte Japan, die Kunst, die Kirschblüte. Ihr sehnlichster Wunsch: zurückzukehren in dieses Land.

Eigentlich war es bekannt, aber in Kerzen dargestellt, wird schmerzlich bewusst, dass das Ausmaß der Sterbefälle über die Monate hinweg – am Beispiel Berlin – eine Tragödie ist:
Im November 304 Tote, im Dezember 706 Tote, im Januar 1005 Tote, im Februar 542 Tote, im März 237 Tote.

In Bayern sind rund 13 000 Menschen bislang an oder mit Corona gestorben. Mit einem Trauerakt gedachte die Staatsregierung in München am 30. März 2021 der Opfer.
Die Gedenkworte sprachen Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Ministerpräsident Markus Söder sowie die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates, Susanne Breit-Keßler. Musikalisch umrahmt wurde der Trauerakt von der aus München stammenden Geigerin Julia Fischer.
In Bayern galt während des ganzen Tages eine Trauerbeflaggung. Um 14.30 Uhr wurde landesweit mit einer Schweigeminute der Corona-Toten gedacht.
Angehörige, die dies wünschten waren aufgerufen, vorab Fotos mit einer kurzen Botschaft an den Landtag zu senden. Eine Auswahl dieser Bilder und Texte wurde stellvertretend für alle Corona-Toten in Bayern während des Traueraktes gezeigt.***

Die geliebten Menschen fehlen! Trauer – was kommt danach? Hoffnung auf was?

*https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-03/italien-corona-tote-pandemie-opfer-bergamo-gedenkfeier?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F

https://www.focus.de/politik/ausland/die-meisten-toten-in-italien-alle-30-minuten-eine-beerdigung-bergamo-ist-das-weltweite-corona-epizentrum_id_11789472.html

**https://www.tagesschau.de/inland/steinmeier-gedenken-corona-opfer-101.html

***https://www.br.de/nachrichten/bayern/br24live-landtag-gedenkt-der-corona-toten-in-bayern,SSOxde6

Bombennacht am 16. März in Würzburg – Gedenken unter Corona-Bedingungen

Seit Kriegsende gedenkt die Stadt Würzburg gemeinsam mit Initiativen und Akteuren der Stadtgesellschaft jährlich am und um den 16. März mit verschiedenen Veranstaltungen der Opfer der schrecklichen Bombennacht. Dies geschieht mit dem Eingeständnis, dass Deutschland die Verantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus trägt. Die Zerstörung Würzburgs wird in den großen Kontext des Zweiten Weltkrieges eingebettet.

Letztes Jahr fiel der 75. Gedenktag mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammen. Ausgerechnet am 16. März 2020 wurden von der bayerischen Staatsregierung der Katastrophenfall ausgerufen und zahlreiche Einschränkungen bekannt gegeben, die das öffentliche und private Leben betrafen, viele Einrichtungen wurden geschlossen.

Bereits im Vorfeld des Würzburger Gedenktages wurden das Konzert im Kiliansdom und das traditionelle Lichtergedenken, das alle fünf Jahre, also zu den besonderen Jahrestagen stattfindet, offiziell abgesagt. Erfahrungsgemäß finden sich tausende Menschen mit Kerzen in der Hand vor dem Dom und in der Domstraße ein, am 70. Jahrestag der Zerstörung Würzburgs, wurden mehr als 10 000 Menschen gezählt.

„Bitte bleiben sie zuhause. Stellen sie in der Zeit, in der die Glocken erklingen, Kerzen in alle Fenster dieser Stadt, um der Toten des 16. März 1945 zu gedenken“, hatte der Würzburger Oberbürgermeister Christian Schuchardt die Bürger gebeten. Ganz geklappt hatte es nicht, am Abend standen zum Zeitpunkt der Bombardierung zwischen 21.20 und 21.40 Uhr doch etwa 200 bis 300 Menschen mit Kerzen am Platz vor dem Dom. Natürlich wurde Abstand gehalten, so gut es ging. Auch OB Schuchardt verweilte zusammen mit Bischof Franz Jung schweigend vor dem Dom, um der fast 4 000 Toten zu gedenken, die beim Luftangriff auf die Stadt 1945 starben. Zuvor hatte er dem Bayerischen Rundfunk (BR), der das Mahnläuten in einem Livestream ins Internet übertrug, ein längeres Interview gegeben.
Es gab allerdings aufgrund der staatlichen Beschlüsse auch Kritik an den Menschen, die sich eingefunden hatten. Der OB gab sich im nachhinein selbstkritisch: „Meine Intention war es, gerade zum 75. Jahrestag den Menschen eine Möglichkeit zu geben, der Opfer trotz Corona würdig zu gedenken“. Mit seiner Anwesenheit vor Ort wollte er das Erinnern zuhause, das zum Teil virtuell stattfand, unterstützen. „Gerade im Sinne meiner Vorbildfunktion hätte ich zu Hause bleiben sollen“, räumte er später ein.*

Im Jahr 2021 plante die Stadt Würzburg das Gedenkprogramm zum 16. März von vornherein weitgehend digital. Die Stadt Würzburg hatte ein Gedenkprogramm zusammengestellt.

Das obliatorische Orgelkonzert fand in der evangelischen Kirche St. Stephan statt, 1945 zerstört und von 50 bis 52 wieder aufgebaut. Die Aufführung musste ohne Publikum stattfinden und wurde aufgrund der Pandemielage live vom BR übertragen. „Verleih uns Frieden gnädiglich“ lautete das Thema des Abends, der mit Werken von Matthias Weckmann und Heinrich Schütz vom Kantorat der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Würzburg St. Stephan mit Unterstützung durch die Stadt durchgeführt wurde. Kirchenmusikdirektor Christian Heidecker gab eine kurze künstlerische Einführung. Musik habe – wie jede Kunst – die Funktion, Auseinandersetzung zu ermöglichen und Zugang zu den Gefühlen zu erschließen. Es sei ihm eine Ehre, mit hochkarätigen Musikerinnen dieses Konzert zu spielen – sechs Sängerinnen sowie zwölf Instrumentalistinnen.
“Wie liegt die Stadt so Wuste“ von Matthias Weckmann greift auf die Klagelieder des Propheten Jeremias zurück, die die Zerstörung Jerusalems um 587 v. Chr. betrauern.

Nach diesem ersten Musikstück setzte OB Schuchardt mit seiner Ansprache ein, in der er die Ereignisse kurz skizzierte: Am 16. März 1945 erfolgte gegen 21.20 Uhr ein Luftangriff durch die Royal Air Force. 236 Flugzeuge warfen in drei Wellen über 1 000 Tonnen Bomben, darunter 300 000 Stabbrandbomben, in knapp 20 Minuten über Würzburg ab. Nach neuesten Forschungen starben circa 3 500 Menschen. Die Würzburger Innenstadt wurde zu 90 Prozent zerstört – nur sieben Häuser überstanden die Nacht unversehrt – die äußeren Stadtgebiete zu 68 Prozent. Die Stadt wurde zum „Grab am Main“. „Im Nazi-Deutschland loderte das Feuer des Hasses und entzündete die Welt“. Letztlich habe das Feuer auch Würzburg zerstört, stellte Schuchardt fest. Der 16. März solle ein Tag des Mahnens sein, aus der Vergangeheit zu lernen, damit Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit sich nicht wiederholen. Der Gedenktag stehe unter dem Zeichen von Versöhnung, Verständigung und Freundschaft, wie es der damalige Dompropst Richard Howard an Weihnachten 1940 angesichts der Ruinen der Kathedrale von Coventry gesagt habe. Howard gründete ein Netzwerk für Frieden und Versöhnung – aus dem 1974 die internationale Nagelkreuzgemeinschaft wurde, zu der seit 2001 auch Würzburg zählt. Die Initiative ist unter dem Leitgedanken: Erinnerung bewahren, Versöhnung leben, aktiv. In Würzburg habe sich zudem eine von der Stadtgesellschaft getragene Kultur des Erinnerns etabliert, wovon verschiedene Orte** Zeugnis geben.

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“ (Victor Hugo), so leitete der OB zum weiteren Konzertverlauf über. Es standen sechs Werke der „Symphoniae Sacrae“ von Heinrich Schütz (1585-1672) auf dem Programm, die der Klage („Herr wie lange willst du mein so gar vergessen“), der Zuversicht („Ich heben meine Augen auf zu den Bergen“) und dem Gotteslob („Nun danket alle Gott“) Ausdruck gaben.
Betrachtet man den Lebenslauf des Komponisten, erkennt man Parallelen: ein großer Teil seines Lebens war geprägt von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Dennoch strahlt seine Musik Freude, Zuversicht und Gottvertrauen aus – daraus kann man auch heute die Botschaft ableiten, sich mutig und engagiert für eine friedliche Zukunft einzusetzen.

Das Mahnläuten von 21.20 bis 21.40 erinnert an die Zeitspanne, in der die Stadt Würzburg weitgehend verwüstet wurde. Alle Glocken in Würzburg erklingen. Die Zeit reicht in etwa aus, um von der Eichdorff-Straße bis zur unteren Sanderau zu laufen. Noch etwas besser ließ sich das Geschehen nachempfinden, wenn man sich an den Ausfall der Straßenbeleuchtung von neulich erinnerte. Alles war stockfinster, keine Hand konnte man mehr vor den Augen sehen, geschweige denn entgegenkommende Personen auf dem Trottoir. So finster muss es Tage nach dem Feuersturm gewesen sein. Gespenstisch, unheimlich, furchterregend. Aber nein, die Katastrophe von 1945 lässt sich nicht mit einem Stromausfall vergleichen. Nach 20 Minuten zurückgelegter Wegstrecke flammte das Licht wieder rötlich leuchtend auf, analog verebbten am 16. März 2021 die Glocken. Zurück im Alltag, zurück im Leben. Nachdrücklich allerdings sind wir Nachkommen des Infernos dazu aufgerufen, dem Vergessen entgegenzuwirken und uns aktiv für Frieden und Toleranz im Hier und Heute einzusetzen.

*https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/trotz-corona-gedenken-an-16-maerz-1945-am-wuerzburger-dom-art-10423671

https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/ob-zum-mahnlaeuten-ich-haette-zuhause-bleiben-sollen-art-10424057

**So befindet sich im sogenannten „Grünbaum“, einem Anbau des Grafeneckart-Turms am Rathaus ein Gedenkraum. Dieser ist öffentlich zugänglich und kann über den Hof an der Domstraße erreicht werden. In der Mitte des Raums steht ein Modell unter einer Glasplatte, das die zerstörte Stadt darstellt und anhand von Aufnahmen nach dem Bombenangriff nachgebaut wurde. Eine Fotodokumentation zeigt zudem das schreckliche Geschehen der Zerstörung der Stadt. Eine weitere Gedenktafel erinnert an die Brand- und Bombenopfer, die bei diesem Angriff ums Leben kamen. Die Infotafeln sind sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache aufgehängt.
https://wuerzburg-sehen.de/sehenswuerdigkeiten/denkmaeler/gedenkraum-grafeneckart/

Ein weiterer Ort der Erinnerungskultur befindet sich am Würzburger Hauptbahnhof: Denkort Deportationen 41-44:
https://denkort-deportationen.de/

8. Mai – Weltfrauentag

Am 8. März wird der internationaler Frauentag* gefeiert, der erstmals am 19. März 1911 und ab 1921 jährlich stattfand. Welche starken Frauen kommen zu diesem Anlaß in den Sinn? Zum Ursprung des Gedenktages zeitlich passend Rosa Luxemburg (1871-1919), eine einflussreiche Vertreterin der europäischen Arbeiter- oder mehr noch Clara Zetkin (1857–1933), die eine sozialistische Frauenbewegung um sich scharte.
Nach dem 2. Weltkrieg erwiesen sich die sogenannten Trümmerfrauen als Heldinnen des Alltags. Im Gegensatz zu dem, was dieser mythenreiche Begriff nahelegt, waren es zwar sowohl Frauen als auch Männer, die die Trümmerarbeit verrichteten. Allerdings waren zahlreiche Männer im Kampf gefallen oder in Kriegsgefangenschaft und daher oblag es doch den Frauen, die Überreste des Krieges zu beseitigen. Sie mussten zudem den Haushalt alleine führen, die Kinder großziehen und bewiesen äußerstes Organisationstalent. Leider begaben sich viele dieser Frauen in den 50er Jahren an den Herd zurück.
1959 begann in Amerika Joan Baez (*1941) ihre Laufbahn. Sie erwarb sich einen Ruf als US-amerikanische Folk-Sängerin, Bürgerrechtlerin, Pazifistin und Umweltaktivistin, die auch durch ihr politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg und die Rassentrennung bekannt wurde. Wie aktuell bis heute!
In den 70er Jahren wurde die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer (*1942), die sich bis heute öffentlich engagiert, aktiv. Sie fing an zu publizieren (z.B. „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, 1975) und begründete die Zeitschrift Emma (Januar 1977).
Im Bereich des Journalismus hatte es Frauen anfangs gar nicht leicht. Wibke Gertrud Bruhns (1938-2019) präsentierte im bundesrepublikanischen Fernsehen (1971/72 beim ZDF, in der Spätausgabe der Sendung heute) als erste Frau eine Nachrichtensendung. Heute erscheint es fast selbstverständlich, dass politische Sendungen wie das heute journal von Marietta Slomka moderiert wird oder Anne Will durch eine Talk-Sendung führt.
Mutige Frauen sind auch Kriegsfotografinnen, die mitunter ihr Leben riskieren. Die Deutsche Anja Niedringhaus beispielsweise wurde in Afghanistan erschossen. Seit über zehn Jahren bereist Julia Leeb als Kriegsreporterin – begleitet nur von ihrer Kamera – gefährliche Kriegsorte: Kongo. Nordkorea. Ägypten. Libyen. In einem Beitrag von ttt sagt sie: „Mein Ziel war es auch, eine andere Seite vom Krieg zu zeigen, weil Krieg sehr männlich dominiert ist. Es geht eigentlich nur um Truppenbewegungen, militärische Einsätze, Kollateralschäden. Aber wer kocht denn und wer unterrichtet und wer heilt und wer vergibt und wer liebt? Und diese Menschen, diese stillen Helden kommen nie zu Wort. Das ist ebenso ein Teil von einem Krieg, der nie erzählt wird. Das ist die Menschlichkeit.“
Oder Abenteurerinnen, wie Liv Ragnheim Arnesen (* 1953 in Norwegen), die 1994 als erste Frau, alleine und ohne fremde Hilfe auf Skiern durch die Antarktis zum Südpol gelangte. Für die 1200 Kilometer lange Strecke benötigte sie fünfzig Tage.
Starke Frauen gibt es auch in der Kirche. Neben evangelischen Pfarrerinnen, die engagiert und mutig für die christliche Botschaft und den Dienst an ihrer Gemeinde eintreten, machen ebenso katholische Frauen von sich reden. Bislang gestalten zwar motivierte Gemeinde- und Pastoralreferentinnen das kirchliche Leben nachdrücklich mit, doch die Bewegung Maria 2.0, die mit einer Aktionswoche in Münster vom 11. bis zum 18. Mai 2019 startete, hofft auf mehr Mitspracherecht von Frauen in der Kirche. Die Initiative wendet sich gegen Machtstrukturen und spricht sich für den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine umfassende Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Kirche aus.
Während des Corona-Lockdowns mussten die Frauen wieder einen Rückschritt erfahren. Sie waren der Mehrfachbelastung ausgesetzt, gleichzeitig Home-Office zu leisten, die Kinder zu betreuen und den Haushalt zu führen. Dies ist die Auffassung von Jutta Allmendinger, Jahrgang 1956, Soziologin und Präsidentin des Wissenschafts­zentrums Berlin für Sozialforschung. Sie vertrat in der Talkshow von Anne Will (3.5.20)** die These, dass Deutschland durch die Folgen der Virusbekämpfung „bestimmt drei Jahrzehnte“ auf dem Weg zur Gleichberechtigung verliere. Es gab viel Beifall, aber auch Kritik. Schließlich legte Allmendinger mit einer Streitschrift nach: „Es geht nur gemeinsam!“***
Darin zeigt sie Perspektiven auf, wie es gerechter zugehen könnte. Nach ihrer Meinung sind neben der Politik auch jede einzelne Frau und jeder einzelne Mann gefordert.
Ein schönes Fazit zum ganz besonderen Frauentag nach einem Jahr Corona-Pandemie. Frauen und Männer, packt es zusammen an!****

*(englisch International Women’s Day, kurz IWD), Weltfrauentag, (Internationaler) Frauenkampftag oder kurz Frauentag. Das genaue Datum wählten die Vereinten Nationen (UN) im Internationalen Jahr der Frau 1975 zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ und richteten erstmals dazu am 8. März eine Feier aus.
**Sendung Anne Will mit Jutta Allmendinger
***https://www.deutschlandfunk.de/jutta-allmendinger-es-geht-nur-gemeinsam-ueberzeugende.1310.de.html?dram:article_id=490460
****Fakten aus Wikipedia

Geburtstag während des Lockdowns


Zuerst dachte ich mir: das wird ein furchtbar langweiliger Tag. Nichts geht mehr, nicht wegfahren, nicht feiern nicht jemanden ins Restaurant einladen, nicht eine Ausstellung oder ein Konzert besuchen. Etwas resigniert sah ich das Datum des Geburtstags näher rücken. Letztes Jahr war ich während dieses Zeitraums in Nordrhein-Westfalen und habe dort eine frühere Kollegin getroffen. Am Geburtstag saßen wir gemeinsam beim Chinesen. Heinsberg war nicht weit und Corona rückte damals an.
Am Wochenende vor dem Geburtstag war ich mäßig gelaunt. Dabei hatte ich doch Glück: zwei Mützen, die ich mir in meinen Lieblingsfarben bestellt hatte, waren rechtzeitig geliefert worden bzw. eine davon konnte ich beim lokalen Handel abholen.
Als mir schließlich die Idee kam: ich gleite, von Kultur begleitet, also mit den Sendungen ttt und Druckfrisch in meinen Geburtstag hinein, stieg meine Stimmung ein wenig. Eine mutige Soul-Sängerin stimmte mich musikalisch ein. Celeste Epiphany Waite, eine der gefragtesten neuen Stimmen Großbritanniens, folgt stimmgewaltig dem Vorbild großer afroamerikanischer Sängerinnen. Ebenfalls interessant war der Beitrag über den ostdeutschen Maler Willi Sitte. Zu dessen 100. Geburtstag wurde auf eine Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg Halle vom 03.10.2021 — 09.01.2022 verwiesen. ttt sah es als Paradoxon, dass der politisch linientreue DDR-Künstler seine Genossen insofern immer wieder enttäuschte, da er auf der Eigenständigkeit der Kunst beharrte.
Auch die Sendung Druckfrisch mit Denis Scheck bot ein besonderes Programm. Er führte in dieser Ausgabe ein Exklusiv-Interview mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der über seine neu erschienen Memoiren „Ein verheißenes Land“ sprach. Außerdem empfahl Denis Scheck den Titel „Mädchen, Frau etc.“ von Bernardine Evaristo. Begeistert habe er dieses Buch gelesen, „weil es ein lustiger und zugleich weiser Roman ist, der am Beispiel schwarzer Akteure von menschlichen Universalien erzählt“.
Ich stellte fest: ich bin schon länger nicht mehr zum Lesen gekommen. Bei welchem Titel war ich hängen geblieben? Nachwendekinder“ von Johannes Nichelmann – da muss ich doch morgen gleich ein paar Takte lesen, dachte ich.
Nachts um 12 Uhr traf die erste Geburtstagsmail ein, wie schön!
Morgens nach dem Aufstehen erwartete mich gleich eine Nachricht, die mich auf das tolle Wetter aufmerksam machte. Stimmt, das Wetter war super! Rolladen hoch und die Sonnenstrahlen am Südfenster genießen.
Dann trudelte eine Gratulation nach der anderen ein. Ich war sprachlos. Das hatte ich Geburtstagsvergesserin nicht erwartet und auch nicht verdient. Sogar ein Geschenk war am Vortag eingetroffen. Ich versuchte alle Nachrichten gleich zu beantworten und schrieb einer Absenderin: Nixtun ist auch schön (ich hatte frei genommen).
Nun überlegte ich weiter: worauf musste ich in letzter Zeit verzichten? Sich mal wieder ein schmackhaftes Mittagessen holen, kam mir in den Sinn. Prima, dachte ich, das kann ich dann gleich in der Sonne verspeisen. Sogar mein Lieblingsplatz wurde fast automatisch geräumt, als ich mich näherte. Dann kurz einen Strauß Rosen besorgen, den Blick über die Stadt genießen und heimwärts.
Dort beantwortete ich weitere eingetroffene Gratulationen und antwortete schnoddrig: ich feiere heute „Homeland Elegien“ nach dem Roman von Ayad Akhtar.
Ich beschloß nochmal rauszugehen, um den Sonnenuntergang zu bewundern. Die Güldne war heute ganz schnell verschwunden, zwischen den Häusern war sie heruntergerutscht. Dafür gab es ein wunderbares Abendrot in einer skurrilen Industrie- und Strommast-Landschaft zu bewundern.
Überhaupt knospen schon einige Sträucher und Blumen – wenn auch kaum sichtbar. Zuhause durfte ich mich über ein selbst geschossenes Foto mit den ersten Krokussen aus dem Garten freuen.
All die lieben Leute, die Ihr mir gratuliert habt – Ihr wart klasse! Ihr habt meinen Geburtstag zu einem wahren Freudentag gemacht. Ich habe ihn genossen, wie schon lange nicht mehr.