documenta XV. – gute Ansätze zu Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit – und trotzdem ambivalent

Die Diskussion im Vorfeld hatte ihre Spuren hinterlassen. documenta XV. – soll man sie besuchen oder nicht? Die Antisemitismus-Diskussion war als Sachverhalt zunächst einmal nicht von der Hand zu weisen. Doch vielleicht sollte man dem etwas anderen Kunstkonzept trotzdem eine Chance geben.
Bei einem Ein-Tages-Besuch könnte man sich einen Einblick in die diesjährige documenta verschaffen und die zentralen Orte rund um den Friedrichsplatz besuchen, so die Überlegung. Aber es sei gesagt: ein Tag reicht nicht aus, um all die über die Stadt verteilten Kunstorte aufzusuchen.
Dass die Antisemitismus-Debatte im Vorfeld das Bild in der Öffentlichkeit prägte, hatte zwar berechtigte Gründe, wird der Idee und dem Konzept der documenta XV. aber nicht vollständig gerecht. Es ist ein begrüßenswertes Anliegen, die Kunst der südlichen Länder, deren Alltag und Probleme in den Fokus zu rücken. Mehr noch, sind diese Länder sehr kreativ darin, neue künstlerische Wege zu gehen, um der Krisenhaftigkeit der Welt zu begegnen. Zumal es auch viel von dieser so ganz anderen Perspektive zu lernen gibt, in einer Zeit, in der wir an die Grenzen des Wachstums stoßen und Nachhaltigkeit groß geschrieben wird. Dem Kuratorenteam Ruangrupa (bedeutet frei übersetzt „Kunstraum“ oder „Raumform“) geht es um einen Gegenentwurf zu den destruktiven Ausmaßen, die die westliche Welt zum Teil angenommen hat. Sie bringen den Gedanken einer Urgemeinschaft ins Spiel, die u.a. nach den Prinzipien gegenseitige Verantwortung, geteilte Ressourcen und Respekt vor der Natur funktioniert. „Die Arbeitsweise des Kollektivs beruht auf einem alternativen, gemeinschaftlich ausgerichteten Modell der Nachhaltigkeit in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht, bei dem Ressourcen, Ideen oder Wissen geteilt werden sowie auf sozialer Teilhabe. Der Gedanke der Nachhaltigkeit wurde auch bei der Ausstellungsplanung in all seinen Ausprägungen umfassend berücksichtigt.“ (1).

Als zentrales Leitwort wird „lumbung“ verwendet. Dies ist der indonesische Name für eine Reisscheune, in der eine Agrargemeinschaft die Ernte gemeinsam verwaltet. Im auf die Kunst übertragenen Sinne steht die Stärke solidarischen Handelns im Vordergrund, nicht die Genialität eines Einzelnen. Deswegen sind bei dieser documenta vor allem Kollektive eingeladen, bei den künstlerischen Werken handelt es sich meist um Gruppenarbeiten. (2)
Diese kamen u.a. aus Thailand, Hongkong, Afrika, Australien, Palästina, Vietnam, Bangladesch, Kuba, Kenia und dem Vereinigten Königreich. Insgesamt waren mehr als 1.500 Künstler aus der ganzen Welt unterwegs. Da die Werke in einer kollektiven solidarischen Arbeit entstanden waren, sind die Werke nicht signiert.

Auf dem Friedrichsplatz bekommt man bereits einen ersten Einblick, wie die thematischen Leitlinien umgesetzt wurden.
Dan Perjovschi bemalte die klassizistischen Säulen des Fridericianums schwarz, um darauf mit weißem Marker (sein Charakteristikum) Botschaften und Skizzen zu hinterlassen, die sich mit der Situation weltweit befassen. „Die Zeichnungen kommentieren aktuelle Ereignisse aus aller Welt ebenso wie allgemeine gesellschaftliche Phänomene oder Dinge, die den Künstler persönlich betreffen“.

Richard Bell erinnert auf dem Friedrichsplatz mit seiner „Aboriginal Embassy“ an das Unrecht, das an den australischen Ureinwohnern begangen wurde, indem deren Land geraubt wurde.
Betritt man das Fridericianum, so stößt man rechts auf eine Stoffwand mit Schlagworten wie „friendsmaking“, „explore the ecosystem“, „speculative collective“, „learn from friends“ und bekommt gleich einen Vorgeschmack darauf, worum es geht. Im Zentrum steht die Idee von „Gudskul“ (Schule des Guten).
Diese wurde von den Kurator*innen in Jakarta mitbegründet, auf das Kasseler Fridericianum übertragen und heißt hier „Fridskul“. „Der Bau dient nun zur Aufbewahrung der gemeinsamen Ressourcen wie Wissen, Geschichten und Erfahrungen. Diese ‚Ernte‘ lagert hier nicht nur, sondern Künstler*innen aktivieren und produzieren sie. Viele Utensilien zeigen Hintergründe der Schaffensprozesse.“ Gudskul ist als eines der Kollektive beteiligt und lädt zu öffentlichen Workshops, Seminaren und Austausch-Formaten ein.

Im Erdgeschoss befinden sich die RURUKIDS, eine 2010 von ruangrupa gegründete Initiative, die die Arbeit von Künstler*innen mit Kindern und Jugendlichen betreibt. „Gemeinsam schaffen hier lumbung-Künstler*innen, Kasseler Initiativen und die Kunstvermittler*innen, genannt sobat-sobat (indonesisch für Freund*innen), eine sichere und anregende Umgebung, in der Kinder entspannen, spielen und frei erkunden können.“

In der Rotunde befindet sich ein Brunnen aus Plastikschüsseln von El Warcha, einer Gruppe aus Tunis, die auch die Hocker gezimmert hat. El Warcha – arabisch für ‚die Werkstatt‘ – „möchte durch die Produktion von Kunstinstallationen und Stadtmöbeln kollektives Handeln und Lernen anstoßen … Der Museumsraum des Fridericianums verwandelt sich in eine laute Werkstatt, in der ein kollektives Work-in-Progress entsteht. Exemplarisch für die Praxis El Warchas steht eine kleine Bibliothek der Objekte: Hier werden Prototypen, Fundstücke und Materialien aufbewahrt.“ Auf den gestalteten Möbeln kann man Platz nehmen und ein Video betrachten, das deren Arbeit dokumentiert.

In einer Rotunde zeigt auf Einladung des Kollektivs OFF-Biennale Budapest Malgorzata Mirga-Tas (polnisch-romaistische Künstlerin, Pädagogin und Aktivistin) Stoffbilder, die einseitige Darstellungen von Roma in Frage stellen wollen. Gezeigt werden vor allem Frauen bei ihren alltäglichen Aktivitäten.
Den Arbeiten liegen Radierungen des Druckgrafikers Jacques Callot aus dem 17. Jahrhundert (la vie des Egyptiens) zugrunde.

Das Centre D’art Waza zeigt unter anderem in einer blauen Kuppel das Video „Walemba“, das in Zusammenarbeit mit Hüttenarbeitern im Kupfergürtel des Kongo gedreht wurde. „In Wazas Programm gehen künstlerische Forschung und gemeinschaftsorientierte Vermittlungsprogramme Hand in Hand“.

Im inklusiven Projekt Art Works aus dem englischen Hastings arbeiten neurodiverse Künstler mit ihren Betreuern zusammen. Im Fridericianum werden geschaffene Werke präsentiert und Workshops durchgeführt. Ein Video zeigt den Prozess, wie ein „Mandala“ gemalt wird, eine sich schnell durchklickende Dia-Show gibt einen Einblick in die Vielfalt der entstandenen Werke.

Besonders unter die Haut gehen die Videos des Kollektivs Sada [regroup] aus dem Irak. „Die Teilnehmenden fragen in ihren Arbeiten, wie Künstler*innen in diesem Land überleben können – mit einem Minimum an unterstützender Infrastruktur, ohne kritischen öffentlichen Diskurs und mit wenig Entwicklungsmöglichkeiten.“
Bei einem der Filme orientiert sich die Regie an der Timeline eines Nachrichtenkanals im Smartphone. Parallel spielt der Handlungsstrang. Es ploppt die Nachricht auf, dass jemand getötet wurde. Trotz Behinderungen und Angst geht der künstlerische Alltag weiter. Nachricht: der IS ist einmarschiert. Die Eltern haben Angst um ihre Tochter, diese flieht in die Türkei. Nachricht: ob sie dort wirklich bleiben will, die wirtschaftlichen Bedingungen seien schlecht. Die Eltern wandern aus in die Ukraine…
Ein Künstler wird wegen eines zu freizügigen Werkes zur Folter geführt, seine Eltern können gerade noch Einfluss nehmen, sodass er verschont wird. Er flieht schließlich, als er erfährt, dass er umgebracht werden soll.

In einem weiteren Raum geben Archive einen Einblick in ihren Bestand. Eines davon ist das niederländische „Black Archives“ aus Amsterdam. „The Black Archives ist ein historisches Archiv mit einer einzigartigen Sammlung von Büchern, Dokumenten und Artefakten – allesamt das Erbe schwarzer niederländischer Schriftstellerinnen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen. Es dokumentiert die Geschichte dunkelhäutiger Emanzipationsbewegungen und Individuen in den Niederlanden. In Videos wurden Geschichten präsentiert, die einzelne Schicksale einfühlsam nachzeichneten.“

Zum Beispiel der Film, der das Leben der holländischen Einwandererfamilie um Anton de Kom dokumentiert. Er war surinamischer Nationalist und Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung der Niederlande während des Zweiten Weltkriegs. Anton de Kom war auch schriftstellerisch tätig, sein Buch „Wir Sklaven von Suriname“ (1934) durfte nur in zensierter Form erscheinen und in Suriname sowie den anderen holländischen Kolonien gar nicht verkauft werden, erlangte aber trotzdem viel Aufmerksamkeit. Anton de Kom war arbeitslos und musste mit seiner Familie, die unter Rassismus zu leiden hatte, in ärmlichen Verhältnissen leben. Nach einem Klinikaufenthalt wegen einer Depression 1939, entschloss er sich, in den seit Mai 1940 deutsch besetzen Niederlanden aktiv am Widerstand teilzunehmen. Am 7. August 1944 wurde Anton de Kom auf der Straße von der Gestapo verhaftet und gelangte schließlich in das Auffanglager für das KZ Neuengamme. Offiziell soll Anton de Kom mit 47 Jahren am 24. April 1945 an Tuberkulose gestorben sein. Lange in Ungewissheit, erfuhr seine Familie erst 1960 von seinem Tod, als seine Leiche in einem Massengrab bei Sandbostel entdeckt wurde. Der Leichnam wurde in die Niederlande gebracht und auf dem Erebegraafplaats von Loenen zum zweiten Mal bestattet. Seine Frau Nel starb 1983 im Alter von 85 Jahren und ist in Suriname begraben. (3)

Archives des luttes des femmes en Algérie“ (Archive der Frauenkämpfe in Algerien) ist eine 2019 ins Leben gerufene unabhängige Initiative mit dem Ziel, ein digitales und frei zugängliches Archiv mit Dokumenten zu feministischen Kollektiven und Vereinigungen Algeriens aufzubauen, insbesondere solchen, die seit der Unabhängigkeit des Landes 1962 entstanden … Die Besucher*innen sind eingeladen, sich in über 60 Reproduktionen zu vertiefen, darunter politische Traktate, Plakate, Fotos und Filme. In die Ausstellung integriert sind auch Interviews mit drei Aktivistinnen, die für das Projekt ihre persönlichen Archive geöffnet haben.“

So wird auch anschaulich, wie ein solches Archiv verwaltet wird. Auf dem Boden ist ein Video zu sehen, das eine Frau zeigt, die auf einem Tisch mit größter Sorgfalt Materialien sichtet, prüft und beiseite schiebt, Umschläge öffnet, ein Plakat entrollt und zwischendurch immer wieder Notizen macht. Ganz unkünstlerisch patscht ein kleiner blonder Junge mit seinen Händen auf die sich im Film bewegenden Hände und Objekte und versucht diese festzuhalten. Er stellt sich vor den Diaprojektor und lässt sich vom Licht bestrahlen. Als ob er gerade beim Fotografen wäre, lächelt er strahlend. Vielleicht wollte er seiner Mutter zeigen, dass er sich freut und wie schön er lächeln kann. Bei der späteren Begegnung mit derselben Frau in der documenta-Halle kommt es nahezu zwangsläufig zum Austausch eines lächelnden Grußes.

Das Kollektiv Siwa Plateforme lässt die Stimmen von Einwohnern aus Redeyef, einer Phosphatabbauregion in Tunesien, in Form von Tondokumenten über Radiosender im Fridericianum erklingen. „Interventionen, Installationen, Bilder, Zeichnungen und Performances verbinden sich zu einer kollektiven Vision einer besseren Zukunft. Die Installation von Haythem Zakaria zeichnet eine Topografie der leuchtenden Wüstenlandschaft, während Mohammed Znaidi Geschichten aus der Wüste erzählt.“

Im Zwehrenturm, wofür man eine lange Warteschlange in Kauf nehmen muss, zeigt Selma Selman, Roma-Künstlerin, eine bemalte Motorhaube von Autos deutscher Hersteller (Gemälde auf Metall. 2022 – Acryl auf drei Motorhauben). Platin. 2021 – so sind eine Videodocumentation zur Installation sowie eine Platin-Skulptur mit 33 Gramm Weißgold betitelt. Selma Selman hat in einem Roma-Dorf in Bosnien und Herzegowina gelebt, wo der Vater die Familie durch die Umwandlung von Metallabfällen unterstützte. Die Werke befassen sich mit der Beschaffenheit von Altmetallsammlungen und -recycling sowie mit Fragen von Nachhaltigkeit, Arbeit, Ökonomie, Macht der Kunst und Überlebensstrategien.

Der tunnelartige Eingang zur documenta-Halle soll Analogien zu den Häusern der Massai wecken. Für das Wajukuu Art Projekt wurde Wellblech als Materialverkleidung eingesetzt. Ähnlich sehen angeblich die Arbeitsräume in einem Slum am Rande von Nairobi aus, wo die Bewohner*innen sich handwerklich und künstlerisch ausbilden und erproben können. Dort geschaffene Werke sind nun im oberen Geschoss zu sehen. Besonders hervorstechend sind das schwebende Objekt aus Weidenzweigen von Shabu Mwangi sowie ein Kunstwerk von Ngugi Wawerus, eine extra für diese documenta geschaffene, geschwungene Wand, gestaltet aus Motorradketten und Haushaltsmessern.

Ein weiterer Raum ist den kubanischen INSTAR-Aktivistinnen gewidmet, die das Redeverbot in Kuba anschaulich anprangern. Zehn aufeinanderfolgende Ausstellungen sollten während der 100 Tage documenta gezeigt werden. Pfeiler tragen die Masken mit Gesichtern von Intellektuellen und Künstlern, die von der kubanischen Regierung in den letzten rund 60 Jahren zensiert wurden. Dahinter sind auf einer riesigen weißen Wand alle Namen aufgedruckt. Auch die aus Papier und Pappe hergestellten kleinen Fernseher von Lazaro Antonio Martinez Duran werden auf einem Regalbrett gezeigt. Im Nebenraum wurde ohrenbetäubende Musik gespielt, die die ganze Halle in Rhythmus versetzte.

Im unteren Teil der Halle, wo auch eine Skateboard-Plattform aufgebaut ist, hat das Kollektiv Britto Arts Trust Supermarktprodukte in Keramik gestaltet und bietet diese in einer Art Kaufladen an: unzählige Bananen, Blumenkohl, verschiedene Gemüsesorten, Dosen, Getränke etc. Das Kollektiv regt zur Beschäftigung mit Ernährungspolitik an und lenkt den Blick auf Gemeinschaften, die unter der Industrialisierung und den Umweltschäden zu leiden haben.
Für eine weitere Arbeit Re-Visit (2021–2022) suchte Britto Gemeinden in abgelegenen Gegenden Bangladeschs, mit denen das Kollektiv vor einigen Jahren schon einmal kooperiert hatte, erneut auf. Die Wiederbegegnungen wurden für die Ausstellung in Kassel in einem Video dokumentiert. Dabei untersucht Britto die geopolitischen Probleme, mit denen ländliche und grenznahe Orte in Bangladesch zu kämpfen haben.
Am imposantesten ist das riesige Wandgemälde, das weithin sichtbar ist und als dessen Vorbild die Kinobannermalerei aus Bangladesch diente. Es heißt Chayachobi – mural projekt on bangla cinema und entstand 2021 bis 2022 (Acryl auf Leinwand und Wand). Vierzehn zeitgenössische Künstler*innen, ein Kinobanner-Maler und ein Rikscha-Maler hatten sich zusammengefunden und arbeiteten mehr als drei Monate gemeinsam in einem Studio an diesem Kunstwerk. Sie wählten sieben Bangla-Filme aus Bangladesh und Westbengalen, Indien aus, um diese in einem einmonatigen Forschungsprojekt zu sichten und zu diskutieren. Inhalte der Filme sind Nahrung und Nahrungsmittelpolitik, Krieg, menschenverursachte Hungersnot, soziale Bedingungen etc.
Die sieben zugrunde liegenden Filme von Regisseuren aus Bangladesch und Indien zeigen zentrale Zeitabschnitte: Auswirkungen des 2. Weltkrieges, Teilung des Landes 1947, Krieg 1971 sowie die jüngste Vergangenheit werden abgebildet.
Auf der Wiese vor der documenta-Halle hat das bereits erwähnte Kollektiv Britto Arts Trust einen bengalischen Gemüsegarten errichtet. Unter Bambus-Schirmen werden ganz unterschiedliche Sorten angebaut und in einer Freiluftküche werden Speisen zubereitet, die in einem atmosphärisch nachempfundenen Außenrestaurant verzehrt werden können. „In Kassel serviert Britto Pak-Ghor-Gerichte und bindet Menschen mit Migrationshintergrund ein, um Mahlzeiten zuzubereiten, Geschichten auszutauschen und Veranstaltungen zu organisieren. Präsentiert werden 100 Esskulturen von 100 Nationen an 100 Tagen.“

Ein Geheimtipp war die Filmarbeit „Animal Spirits“ von Hito Steyerl im Naturkundemuseum des Ottoneums, die das spanischen Kollektiv INLAND eingeladen hatte. Allerdings hat sie, die als eine der international wichtigsten Künstlerinnen gilt, ihre Arbeiten Anfang Juli von der Weltkunstschau abgezogen. Sie habe infolge der Antisemitismus-Debatte kein Vertrauen mehr in die documenta-Leitung gehabt.
Es gibt im Ottoneum allerdings eine weitere sehenswerte Arbeit. Die südkoreanische Forschungsgruppe ikkibawiKrrr zeigt die Videoinstallation Tropics Story und spürt den vergessenen Kriegsschauplätzen im Pazifik nach, wo Kriegsüberreste aus dem 2. Weltkrieg wieder von der Natur bewachsen werden.

Auf der Karlsaue vor der Orangerie prangt ein großer Müllhaufen. The Nest Collective benennt die Installation „Return to Sender“. Die Altkleiderballen wandern von den Industrieländern nach Afrika, wo die oft mangelhafte Kleidung zum Müllproblem wird und die einheimische Textilindustrie kaputt geht. Was bedeutet es außerdem für die Identität eines Afrikaners, ein Kleidungsstück aus dem reichen globalen Norden tragen zu müssen?

Am Tag der documenta-Stippvisite war sonniges Wetter, man sah überall gut gelaunte Menschen und interessierte Gesichter. Die Stimmung war allen Unkenrufen zum Trotz angeregt und fröhlich. Zur Halbzeit am 10.8.22 hatte der neue Interims-Geschäftsführer Alexander Farenholtz die Zwischenbilanz gezogen: „Die documenta ist besser als ihr Ruf. Auf jeden Fall aber ist sie vielfältiger. Was über sie geschrieben wird, ist ja nur ein kleiner Teil dessen, was die documenta ausmacht.“

Was aber war passiert, dass die documenta Fifteen dermaßen in Misskredit geraten konnte? Bereits im Vorfeld wurde gemunkelt, dass die Veranstaltung antisemitischen Charakter haben könnte. Das Kunstwerk des indonesischen Kollektivs Taring Padi, das auf dem Friedrichsplatz platziert wurde, zeigte schließlich auf dem riesingen Posterbild „People’s Justice“ eine Kippa- und Schläfenlocken tragende, raffgierige Figur als mögliche Verkörperung des geldgierigen Juden sowie einen Mossad-Soldat mit Schweineschnauze. Wegen dieser antisemitischen Symbolik wurde das Banner erst verhüllt und schließlich abgebaut. Auch wenn sich das Künstlerkollektiv bei den Zuschauer*innen und Mitarbeiter*innen der documenta fifteen, der Öffentlichkeit in Deutschland und insbesondere der jüdischen Gemeinde entschuldigt hat und zugab, einen Fehler gemacht zu haben (4), nichtsdestotrotz hätte das Kunstwerk den Weg in die documenta erst gar nicht finden sollen. Im Land der Täter, die ein grenzenloses Verbrechen am jüdischen Volk begangen haben, ist jede Äußerung, jedes Bildzitat, das mit Judenfeindlichkeit in Verbindung gebracht werden kann, fehl am Platz. In einer öffentlich finanzierten Ausstellung – von der Stadt Kassel und dem Land Hessen als Gesellschafter getragen und finanziert und zudem durch die Kulturstiftung des Bundes finanziell unterstützt – sollte diesbezüglich die Messlatte sogar noch höher liegen.

Andererseits muss man respektieren, dass es auch eine andere Perspektive auf den Nahen Osten gibt, als die europäische – die der südlichen Länder. Diese haben die Tendenz, sich mit entrechteten und unterdrückten Menschen zu solidarisieren, wozu aus deren Sicht auch die Palästinenser zählen. Wenn sich diese Staaten vom Elend und Leid jeglicher Völker betroffen zeigen, so muss man ihnen diese Haltung zugestehen, sofern sie nicht das Existenzrecht Israels in Frage stellen, eine Position, die z.T. dem BDS (Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) zugeschrieben wird. (5) In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der Bundestag im Mai 2019 beschlossen hatte, der umstrittenen BDS-Bewegung keine finanzielle Förderung mehr zu gewähren. (6)

Der Austausch zwischen beiden Positionen hätte durchaus fruchtbar sein und einen Prozess voranbringen können. So sah das auch Prof. Dr. Meron Mendel, der Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, der in der Diskussion um die documenta Fifteen zunächst besonnen reagiert und die Positionen differenziert analysiert hat. Allerdings hat er Anfang Juli seine Beratungstätigkeit gecancelt. Lt. Hessenschau habe er dem Spiegel gesagt: „Es gibt auf der documenta jede Menge Gutes, aber bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus-Skandal vermisse ich den ernsthaften Willen, die Vorgänge aufzuarbeiten und in einen ehrlichen Dialog zu treten“.

Zwischenzeitlich war die documenta-Leiterin Sabine Schormann am 18.7.22 zurückgetreten, Nachfolger wurde Alexander Farenholtz. Am 1.8. wurde in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit herausragender wissenschaftlicher Expertise in den Bereichen Antisemitismus, Perspektiven aus globalen Kontexten und Postkolonialismus, Kunst sowie Verfassungsrecht, die documenta in den kommenden Monaten fachwissenschaftlich begleiten sollen. In einer Zwischenbilanz stellten diese am 10.9. fest, „dass die gravierenden Probleme der documenta fifteen nicht nur in der Präsentation vereinzelter Werke mit antisemitischer Bildsprache und antisemitischen Aussagen bestehen, sondern auch in einem kuratorischen und organisationsstrukturellen Umfeld, das eine antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen hat.“
Der Eindruck einer kuratorischen Unausgewogenheit werde dadurch verstärkt, dass in der Ausstellung weder Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und der Shoah und ihren Folgen noch jüdischen Perspektiven auf den Nahostkonflikt Raum gegeben werde.

Das Expertengremium sowie die Gesellschafter hatten sich zuletzt dafür ausgesprochen, einen umstrittenen propalästinensischen Propagandafilm aus den 60er Jahren (Tokyo-Reels-Sammlung des Kollektivs „Subversive Films“) nicht mehr zu zeigen, zumindest nicht, bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen werde.
Im Gedenkjahr des Olympia-Attentats 1972 sind diese Videos einerseits wie eine Ohrfeige. Andererseits kann man sie auch als archivarische Dokumente der Zeit eines globalen Umbruchs sehen, so ein Deutungsversuch der taz.
Ruangrupa sowie die Geschäftsführung der documenta wiesen die Forderungen in Bezug auf die Filme zurück. Ruangrupa warf dem Expertengremium schließlich Rassismus und Zensur vor.
Am 15.9.22 unterstützte die documenta-Findungskommission das Kuratorenteam in diesem Konflikt lt. FAZ öffentlich. Allerdings sollen mehr als die Hälfte der Kommissionsmitglieder den israelkritischen Boykottaufruf BDS befürworten. Man fragt sich schon, warum diese Kommission trotz des Bundestagsbeschlusses von Mai 2019 (5) ungehindert schalten und walten konnte.

Keine schöne Zuspitzung des Konflikts kurz vor Ende der 100 Tage documenta. Es bleibt ein sehr ambivalenter Beigeschmack zurück.

Dennoch sind die präsentierten künstlerischen Kollektiv-Projekte und die dahinter stehenden Ideen es wert, dass man diese unvoreingenommen wahrnimmt und sich zum Umdenken im Hinblick auf Natur und Gesellschaft anregen lässt.

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Die Zitate beziehen sich in der Regel auf den vorhergehenden Link.

(1) https://documenta-fifteen.de/ueber/
„Ruangrupa ist ein 2000 gegründetes und in Jakarta, Indonesien, ansässiges Kollektiv. Als gemeinnützige Organisation fördert ruangrupa durch die Einbindung von Künstler*innen und anderen Disziplinen wie Sozialwissenschaften, Politik, Technologie oder Medien die künstlerische Idee im urbanen und kulturellen Kontext, um kritische Betrachtungen und Sichtweisen auf urbane Probleme der Gegenwart in Indonesien zu eröffnen.“
(2) Art Special – documenta fifteen …, S. 27
(3) https://www.transit-verlag.de/autoren/kom-anton-de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_de_Kom
(4) https://www.sueddeutsche.de/kultur/documenta-antisemitismus-kuenstler-taring-padi-entschuldigung-1.5609134
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Boycott,_Divestment_and_Sanctions
(5) https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/israel-boykott-bds-bundestag-foerderung-entzug?utm_referrer=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2F

Weitere Quellen:

https://documenta-fifteen.de
Art Special – documenta Fifteen – 59. Biennale Venedig, 2022
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_92333702/streit-um-die-documenta-was-fuer-ein-irrsinn-.html
Aspekte – documenta
ttt – documenta

Veröffentlicht in Kunst

Christian Schad Museum in Aschaffenburg – einzigartige Werkschau

Die Initiative ging von Ehefrau Bettina aus

Das am 3. Juni 2022 eröffnete Christian-Schad-Museum in Aschaffenburg ist in erster Linie eine Hommage an den Künstler, in zweiter Linie aber auch ein Abbild des Engagements seiner 2. Ehefrau Bettina Mittelstädt, der es zu verdanken ist, dass das Museum überhaupt erst entstehen konnte.

Die frühere Schauspielerin war nach der Verbindung, die sie mit Christian Schad (1894 bis 1982) einging, Muse und Managerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Biografin und Archivarin sowie Promoterin ihres Mannes. Schad begegnete ihr auf der Suche nach Veränderung in seinem künstlerischen Schaffen in einem vegetarischen Restaurant und bat sie, ihm Modell zu stehen. So entstand 1942 das Bild „Bettina“. Zugleich war dieses erste Zusammentreffen der Auftakt zu einer lebenslangen Beziehung. Nach dem Krieg – 1947 heirateten die beiden. Es gibt weitere Bettina-Porträts, z.B. von 1946 (vom Krieg gezeichnet), 1958 und von 1977 ein spätes Bild, das sie, bereits grauhaarig, vor dem Hintergrund einer Landschaft des Tessins zeigt.

1943 – der Künstler hält sich seit 1942 wegen eines Porträtauftrages in Aschaffenburg auf – wurden bei einem Bombenangriff auf Berlin die Räume von Schads Atelier zerstört, die Werke blieben allerdings unbeschädigt. Aufgrund der bedrohlichen Lage beschloss Bettina, den Hausstand zu evakuieren und beauftragte eine Speditionsfirma. Bei einem Luftangriff wurde zwar das Gebäude des Unternehmens getroffen, aber auf wunderbare Weise war der Wagen mit dem Umzugsgut der Schads in einer Nebenstraße abgestellt, blieb unversehrt und alle heute weltberühmten Werke wurden gerettet. Am 9. September verließ das Umzugsauto Berlin und kam am 23.9. in Aschaffenburg an. Die Initiative zu dieser Rettungsaktion wird Bettina zugeschrieben.

Später als Witwe gab Bettina (1921 bis 2002) den Anstoß, die Christian-Schad-Stiftung zu gründen. Es handelt sich dabei um eine unselbstständige, nicht rechtsfähige Stiftung in der Verwaltung der Stadt Aschaffenburg. Die Stiftung umfasst den gesamten privaten und künstlerischen Nachlass, darunter mehr als 3.200 Werke (Druckgrafik-Sammlung, Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und die Bibliothek). Das Ziel der Stiftung ist es, durch Forschung, Vermittlung und Zuerwerb von Werken das Schaffen Christian Schads aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Besonders bekannt wurde Schad durch seine Werke der Neuen Sachlichkeit ab Mitte der 20er bis Anfang der 30er Jahre sowie die spezielle Kunstform der Schadografie. Er experimentierte aber auch mit Kubismus und Expressionismus und seine Kunst wandelte sich seit den 50er Jahren zum Magischen Realismus.

Konzeption des Museums

Das Museum erstreckt sich auf drei Ebenen und wurde am 3.6.22 nach siebenjähriger Bauzeit im ehemaligen Jesuitenkolleg eröffnet. Geplant war die Eröffnung bereits Ende 2017, doch die Arbeiten zogen sich hin bis 2019. Zu diesem Zeitpunkt verhinderten erst eine unzureichende Klimatechnik, dann die Pandemie, dass das Museum die Pforten öffnen konnte. Die Kosten betrugen 6,5 Mio. Euro, die Hälfte sind Fördermittel von Bund, Ländern und dem Bezirk Unterfranken.

Die Konzeption ist biografisch angelegt, wobei die mehr als 200 ausgestellten Werke und die Informationstafeln zeitgeschichtlich eingeordnet sind. Dies geschieht durch Stellwände als Hintergrundfläche, auf denen Fotos mit historischen Ereignissen zu sehen sind, z.B. Panzer aus dem 1. Weltkrieg oder der Pariser Eiffelturm. Diese Konzeption war von Dr. Thomas Richter, dem früheren Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg, bewusst so vorgesehen.

Wegen der zentralen Bedeutung des Umzugs von Berlin nach Aschaffenburg, wird darauf gleich im Eingangsbereich verwiesen. Dort sind auch die Zeichnung und ein Abdruck des Werkes zu sehen, woran Schad im Umzugsjahr arbeitete: Der OB und SS-Obersturmbannführer Wilhelm Wohlgemuth hatte ihm den Auftrag erteilt, eine Kopie der „Stuppacher Madonna“ von Grünewald zu erstellen. Das Bild ersetzte schließlich das verkaufte Original Grünewalds in der Maria-Schnee-Kapelle der Aschaffenburger Stiftskirche.

Der Vater unterstützte Schad fünf Jahrzehnte lang

Christian Schad wurde am 21. August 1894 in Miesbach, Oberbayern geboren. Er arbeitete als Autodidakt, hatte sowohl das Abitur sowie seine künstlerische Ausbildung abgebrochen. Sein Vater unterstützte ihn fünf Jahrzehnte lang finanziell, erst 1935 – nach dessen finanziellen Kollaps, musste er seinen Lebensunterhalt als Geschäftsführer eines Brauereidepots in Berlin verdingen, wo der Vater im Aufsichtsrat war. Schad musste zum ersten Mal richtig arbeiten und fand kaum noch Zeit für die Kunst.

Zurück zum Jahr 1914 – der Vater vermittelte ihm damals ein Attest, so dass er sich der Einberufung für den 1. Weltkrieg wegen einer simulierten Herzkrankheit entziehen konnte.

Frühe Werke

Zu seinen ganz frühen Bildern zählt der Fischer von Volendam (1914), ein Werk, das im Rahmen eines Studienaufenthaltes in den Niederlanden entstanden war.

Christian Schad begab sich schließlich in die Schweiz, lernte dort die neuesten künstlerischen Entwicklungen kennen und experimentierte mit verschiedenen Stilen, z.B. dem Kubismus. In dieser Zeit entstanden auch die einzigen Bilder mit religiösen Motiven, z.B. „Kreuzabnahme“ (1916) mit kubistischen Elementen und in Grautönen sowie Hell-Dunkel-Facettierung der Fläche gehalten. Anja Lippert M.A., Kunsthistorikerin und Schad-Expertin, interpretierte das Bild bei der Führung durchs Haus so, dass er hiermit die Geschehnisse des 1. Weltkrieges verarbeitet haben könnte. Bei dem Werk „Zwei Kinder“ (1917) rückte Schad vom Kubismus ab und ging ins Gegenständliche über. Expressionistisches Ausprobieren kann man vor allem in seinen frühen Holzschnitten feststellen. In Genf entstanden 1918 seine würdevollen und sensiblen Porträts von Bewohnern einer Nervenheilanstalt.

In Zürich verband Schad eine Freundschaft u.a. mit Walter Serner, Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp. Der Journalist und Schriftsteller Serner wurde sein bester Freund und die beiden wohnten zusammen. Seit 1916 bekam Schad die Anfänge der Dada-Bewegung mit, die Hergebrachtes auf den Kopf stellte, Sinnlosigkeit zum Prinzip erhob und im Kontrast zur biederen Gesellschaft stand.

Schadografien

1919 schuf er die ersten Schadografien, „Photographien ohne Kamera“. Diese waren nach dem 1. Weltkrieg wegweisend bei der Suche nach neuen Möglichkeiten der Kunst. Zugrunde liegt die Technik des „Fotogramms“, die von Christian Schad völlig neu verwendet wurde. D.h. er drapierte Gegenstände wie Pflanzenteile auf einem lichtempfindlichen Papier und belichtete diese unterschiedlich lang, so dass röntgenbildartige Abbildungen entstanden. Mit diesen Schadografien wurde er zum Pionier auf dem Weg zur Moderne und künstlerischen Abstraktion. Serner animierte Schad die Schadografien fortzusetzen und sie übermittelten diese Tristan Tzara in Paris, dem Mitbegründer des Dadaismus. Tatsächlich veröffentlichte dieser eine Schadografie in einer Dada-Zeitschrift. Später soll er drei Fotogramme zu einer MoMA-Ausstellung in New York (1936) schicken und das Museum wird ihm die Fotogramme abkaufen. Erst nach seinem Tod wurden die Schadografien in Tzaras Nachlass wiederentdeckt. Insgesamt gibt es 31 Schadografien, alles Unikate, vier sind verschollen, darunter auch das Original des ersten Werks.

Das Museum in Aschaffenburg konnte 2015 die Schadografie 11 aus amerikanischen Privatbesitz erwerben und zahlte dafür 200 000 Euro. Das Aschaffenburger Museum ist deutschlandweit die einzige Institution, die ein solches Fotogramm von Schad besitzt. Nach der Eröffnung wurde es im Original gezeigt, ab Herbst wird nur noch die Kopie zu sehen sein und das kostbare und empfindliche Kunstwerk muss im Magazin aufbewahrt werden.

Zeit in Italien

Schließlich schickte der Vater den Sohn nach Italien, um die alten Meister zu studieren. Maler wie Raffael werden seinen Stil beeinflussen. 1922 reiste er nach Italien und hielt sich mit Serner in Genua, Rom und Venedig auf. Rom begeisterte ihn weniger, viel mehr das trubelige und etwas orientalische Neapel. Dort wohne er mit Serner über einem Bordell. Er schulte seinen Blick für die Rand- und Unterwelt und hielt seine Eindrücke zeichnerisch fest. 1923 heiratete er in Rom Marcella Arcangeli, aus der Ehe wurde Sohn (Nikolaus) geboren. 1924/25 hatte Schad die Möglichkeit, Papst Pius XI. im Vatikan zu beobachten und zu malen. Behilflich war ihm dabei der Franziskanerpater Aquilinus. Zudem gab es die Überlegung, zum Anlass des Heiligen Jahres 1925 Kunstdrucke für den katholischen Massenmarkt erstellen. Es sollte – so der Marketingplan – ein Kupferstich reproduziert werden und in katholischen Haushalten und Kirchen Abnahme finden. Diese Aktion ist – vermutlich aus Vertriebsgründen – gescheitert. Allerdings entwickelte Schad während dieser Zeit einen neusachlichen Stil, der konkret am Porträt des Franziskanerpaters deutlich wird. Dieser zeichnet sich durch Distanz gegenüber dem Werk und den Verzicht auf jegliches Psychologisieren aus. Der Porträtierte bleibt in seiner Persönlichkeit und inneren Gefühlslage nicht durchschaubar. Schads besondere Kunstfertigkeit, Gesichtshaut zu malen, wird hier bereits deutlich.

Trennung und Umzug nach Berlin

Trotz Nobelwohnung in Wien seit 1925 und Aufnahme in die wohlhabende Gesellschaft, verlässt Schad Frau und Kind 1927. Für die Frau war die Trennung eine gesellschaftliche Katastrophe, sie soll sich 1931 im Meer ertränkt haben. Nikolaus wird von Schads Mutter und Tante großgezogen. Die Mutter schließlich setzt dessen Medizinstudium durch, der Erfolg des Jungen als Kardiologe gibt ihr recht. Nikolaus lebte bis 2004 und versöhnte sich im Alter mit seinem Vater, veröffentlichte sogar kunsthistorische Aufsätze über dessen Werke.

Ab 1927 zog Schad nach Berlin um und lebte in einer Wohnung in bester Lage nahe der Gedächtniskirche und lernte das Berlin der 20er Jahre in seiner Freizügigkeit kennen. Er kam wieder in Kontakt mit dem Milieu der Bars, Kleinkriminellen, Prostituierten und Homosexuellen. Besonders bekannt und gefragt ist die Silberstiftzeichnung „Liebende Knaben“ von 1929. Für einen Führer durch das lasterhafte Leben Berlins und ein erotisches Lexikon schuf er Illustrationen und hielt so das Szeneleben fest. Seine damalige Begleiterin war Maika, eine Filmstatistin und 29 bis 31 ein beliebtes Modell von ihm. In dieser Zeit entwickelte er seine Technik, Haut zu zeichnen, noch weiter. In Berlin entstanden die bedeutendsten veristischen Bilder, besonders bekannt ist das „Selbstporträt mit Modell“ (1927, London).

1929 lebte er für ein halbes Jahr in Paris, wie es der Eiffelturm an der Fotowand repräsentiert. 1930 entstand das Bild „Mexikanerin“, deren frontaler Blick emotionslos und nüchtern wirkt. Schads Vorgehensweise war so, dass er die Frauen, die ihn interessierten, ansprach, ob er ein Porträt anfertigen dürfe. Es entstanden viele Frauen-, kaum Männerporträts. So hatte er auch die Mexikanerin ins Atelier bestellt, die dort in mexikanischer Tracht erschien. Den Hintergrund bildet eine Phantasielandschaft. An diesem Bild schieden sich die Geister, die einen lobten die Klarheit und Erotik, andere lehnten die Kühle und Gefühlskälte ab.

Schad hatte die Möglichkeit, Frauenporträts als Coverbilder von Zeitschriften und Magazinen zu veröffentlichen. Er erhielt dafür eine Reproduktionsgebühr. Bei den in Aschaffenburg gezeigten Frauenköpfen ist ein Stilwandel erkennbar. Diese werden gefälliger und weicher, wohl um deren Verkäuflichkeit zu steigern. Frau Lippert vermutet, dass der Galerist Wofgang Gurlitt dies veranlasst haben könnte.

Bereits 1927 beteiligte er sich an der Ausstellung „Die neue Sachlichkeit“ bei Neumann-Nierendorf in Berlin. 1929 nahm er an der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ im Stedelijk Museum, Amsterdam, teil.

Schads Rolle in der NS-Zeit

Die Rolle von Christian Schad in der NS-Zeit hat lt. Dr. Lippert eine Historikerin aus Würzburg, Dr. Bettina Keß, sorgsam untersucht. 1933 trat Schad in die NSDAP ein, zeitgleich in die Reichskammer der bildenden Künste, was mit Materialzuteilung und Ausstellungsmöglichkeit verbunden war. Als Parteimitglied hatte er die Möglichkeit, z.B. mit dem Porträt „Isabella“ auf der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München vertreten zu sein (1937). Zeitgleich wurde die Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Auch die Aufträge in Aschaffenburg basierten auf seiner NSDAP-Mitgliedschaft.

Aus dieser Zeit stammt das Gemälde „Hochwald“, das kurz vor der Eröffnung des Museums gekauft werden konnte. Das Bild zeigt ein Bergpanorama um die elterliche Jagdhütte in Oberbayern im neoromantischen Stil. Es gilt mit 230 x 176 cm als größtes Werk Schads.

Beim Entnazifizierungsprozess wurde Schad als Mitläufer eingestuft. Es wurde nicht festgestellt, dass er ein überzeugter Nazi war, ihm ging es darum, seine Kunst zu verwirklichen.

Schwieriger Anfang nach dem 2. Weltkrieg

Nach 1945 beantragte er die Mitgliedschaft beim bbk, die Zeit war schwierig, er hatte kein Geld, musste seinen Unterhalt mit Ausstellungskritiken, Kunstvorträgen, VHS-Kursen verdienen. 1948 nach der Währungsreform war das ganze Vermögen weg, 1950 erlitt Schad einen Zusammenbruch. Diese Erfahrung verarbeitet er in seinen sarkastischen Karikaturen. 1960 stellten Gönner ein Grundstück in Keilberg zur Verfügung, wo das Ehepaar Schad nach dem Bau des Atelierhauses 1962 einzog. Vorher hatten die beiden seit 1943 in Achaffenburg gelebt.

Aufwertung ab den 60er Jahren

Mitte der 60er Jahre entdeckten Kunstwissenschaftler den Dadaismus und die Neue Sachlichkeit als Kunstform. Das Interesse an Christian Schad erwachte und er wurde von Galeristen und Kunstkritikern ermutigt, an seinem Schaffen wiederanzuknüpfen. Es entstanden Werke der Neuen Sachlichkeit mit weiteren Elementen. Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre fertigte Schad nochmal 180 neue Schadografien an. Seine späteren Werke werden dem magischen Realismus zugeordnet.

Anhand einer reproduzierten Bücherwand kann man so ganz nebenbei auch Schads Vorlieben für Okkultismus und esoterische Literatur ablesen.

Das Ziel von Christian Schad war es sein Leben lang, erfolgreich zu werden. Doch Interesse, Aufträge und Kunden hielten sich in Grenzen. Der Erfolg wurde ihm erst spät zuteil: 1972 mit 78 Jahren erhielt er die Möglichkeit einer Einzelausstellung in Mailand. Höhepunkt war 1980 die Retrospektive in der Kunsthalle Berlin, zwei Jahre vor seinem Tod.

Anja Lippert, die in einer detaillierten und kenntnisreichen Führung die hier skizzierten Hintergründe zu Christian Schad vermittelt hat, erläuterte, dass die Werkschau in Aschaffenburg einzigartig sei. In anderen Museen sei Schad nur mit einzelnen Werken vertreten, in Aschaffenburg sei die gesamte Schaffenszeit abgebildet. Lippert zitierte zum Abschluss Schads Ehefrau Bettina, die Dreh- und Angelpunkt seines Lebens war, wie folgt:

„Das Leben mit ihm und für ihn war mein Lebensinhalt. Es war ein Genuss mit ihm zu leben. Wir haben uns gut ergänzt. Ich war abgehärteter als er. Was ich am Theater gesucht hatte, die totale Vereinigung von Seele, Geist und Körper, habe ich in ihm gefunden.“

Die Führung durch das Christian Schad Museum war durch die Freunde des Museums am Dom e. V. Würzburg organisiert worden.

Quellen:

Informationstafeln zur Ausstellung im Christian Schad Museum

Führung von Anja Lippert M.A., Kunsthistorikerin und Schad-Expertin

Website Christian Schad Museum

https://www.fr.de/kultur/kunst/christian-schad-museum-in-aschaffenburg-eroeffnet-gespuer-und-zeitgeist-91600965.html

https://www.br.de/nachrichten/kultur/bedeutender-ankauf-fuer-aschaffenburger-christian-schad-museum,T0MJ1BR

https://www.sueddeutsche.de/muenchen/christian-schad-aschaffenburg-eroeffnung-museum-1.5597397

https://www.mainpost.de/ueberregional/kulturwelt/dpakultur/der-mensch-im-zentrum-christian-schad-museum-oeffnet-art-10808507

https://www.mainpost.de/ueberregional/kulturwelt/kultur/christian-schad-museum-in-aschaffenburg-5-tipps-warum-sich-ein-besuch-des-neuen-museums-lohnt-art-10823569

Beitrag in der Frankenschau

Veröffentlicht in Kunst

Danzig – die Stadt in der die Demokratisierung des Ostens einen Anfang nahm

Für Touristen bietet die Stadt Danzig zahlreiche Sehenswürdigkeiten, so die Marienkirche mit ihrer prachtvoll rekonstruierten Renaissance-Orgel (Konzertabende bei farbig beleuchtetem Altarraum sind besonders stimmungsvoll) oder die Langgasse (polnisch Ulica Długa) mit einigen nachgebauten historischen Patrizierhäusern, unzähligen Restaurants, Straßenmusik und viel Trubel.
Befassen sollte man sich auch mit der polnischen Post, die ganz besonders in den Abendstunden, wenn die Fenster von der untergehenden Sonne rot glühen, an das blutige Geschehen erinnert, das sich dort abspielte. Die Post gilt als Symbol für den Widerstand gegen die Deutschen Besatzer während des II. Weltkrieges (1939-1945). Polnische Mitarbeiter hatten am 1. September 1939 in der damaligen Freistadt Danzig das Postgebäude am Heveliusplatz 1/2 (heute Pl. Obrońców Polskiej) gegen die deutschen Angreifer 14 Stunden lang verteidigt. Von den Überlebenden wurden 38 zum Tode verurteilt, darunter ein Onkel des Schriftstellers und Nobelpreisträgers für Literatur, Günter Grass. Dies war Anlass für den Schriftsteller, seinen 1959 erschienen Roman „Die Blechtrommel“ den Verteidigern der Polnischen Post zu widmen. (1)

Besonders aber beeindruckt die Demokratiebewegung der Werktätigen, deren Anfänge zeitgeschichtlich noch im Gedächtnis sind – es tauchen Erinnerungsfetzen von Bildern und Ereignissen auf, die in den 70er und 80er Jahren im Fernsehen widergegeben oder im Geschichtsunterricht besprochen wurden.
Am 15. April 1967 wurde die Werft in Stocznia Gdańska im. Lenina („Danziger Werft, benannt nach Lenin“), in deutschen Medien oft verkürzt „Lenin-Werft“, begründet. Sie gilt als Ursprung der demokratischen Bewegung Polens.
Seit den 60er Jahren sagt man den Arbeitern der Werft nach, sie seien unangepasst. Vom 14. bis 22. Dezember 1970 kam es in der damaligen Volksrepublik Polen zu Kundgebungen und Demonstrationen in Gdynia, Danzig und Stettin. Im Dezember 1970, kurz vor Weihnachten, wurden die Preise vor allem für Konsumgüter um bis zu 38 % erhöht. Zu Streiks kam es als erstes in den Danziger Werften, flankierend wurde in ganz Polen demonstriert. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen von Milizkräften und dem Militär mit den Demonstranten wurden nach offiziellen Angaben 45 Menschen getötet, die Zahl der Todesopfer soll aber etwa doppelt so hoch gewesen sein. Hinzu kamen mehr als tausend Verletzte.
Bekannte Persönlichkeiten, die aus der Werft hervorgingen, waren der Elektriker Lech Wałęsa, der seit Mitte der 1970er Jahre zu den Streikkomitees der Arbeiter gehörte und die Kranführerin Anna Walentynowicz.
Im August 1980 kam es erneut zu Streiks, die letzlich die Zulassung freier Gewerkschaften durchsetzen konnten. Die Streikenden wollten ausdrücklich an die Ereignisse von 1970 anknüpfen. Deswegen verlangten sie, dass in Erinnerung an die Opfer des Dezember 1970 ein Denkmal erreichtet werden solle. Es besteht aus jeweils 42 Meter hohen Kreuzen, die 36 Tonnen wiegen und an jedem der Kreuze hängt ein zwei Tonnen schwerer Anker. Unten sind u.a. Reliefs mit Szenen aus dem Leben der Werftarbeiter und die Namen der Getöteten von 1970 zu sehen. Das Denkmal wurde am 16. Dezember 1980 vor rund 100.000 Menschen eingeweiht. Musikalisch umrahmt wurde das Geschehen von dem Musikstück „Lacrimosa“ (später Teil des Polnischen Requiems) von Krzysztof Penderecki, das die Solidarność extra für dieses Ereignis in Auftrag gegeben hatte. (2)
Am 12. Juni 1987 besuchte Papst Johannes Paul II. das Denkmal und hinterließ in Beton verewigt seine Fußabdrücke.

Insgesamt 21 Forderungen stellte das überbetrieblichen Streikkomitee, neben der Errichtung des oben beschriebenen Denkmals u.a. die Gründung von unabhängigen Gewerkschaften, woraus anschließend die Solidarność hervorging, Lohnerhöhungen und Abschaffung der Zensur. (3)

Nach Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurde der Provisorische Koordinierungsausschuss der Solidarność zum Leitungsgremium. Er handelte nach dem Konzept einer „Untergrundgesellschaft“ und bestand bis 1987. Die Staatssicherheit nahm 1986 sämtliche Mitglieder fest, doch es folgten andere Vertreter nach. Nach zwei Streikwellen im Mai und im August 1988 war die Staatsführung zu Verhandlungen mit den Gewerkschaftsführern bereit. Die Solidarność-Delegation wurde u.a. von Lech Wałęsa bei Gesprächen am Runden Tisch (6. Februar bis 5. April 1989) vertreten. Am 17. April 1989 wurde die Gewerkschaft Solidarność vom Woiwodschaftsgericht Warschau offiziell wieder zugelassen. Es folgten die ersten teilweise freien Wahlen am 4. und 18. Juni 1989, an deren Ende der sogenannte Ostblock und anschließend auch die Sowjetunion aufgelöst und das realsozialistische Regime durch eine demokratische Regierungsform ersetzt wurde. (4)

An der Betonwand vor dem Europäisches Zentrum der Solidarität, deren dunkler Rost auf den Platten weithin leuchtet, befinden sich zahlreiche Gedenktafeln.
Besonders traurige Berühmtheit erlangte ein polnischer Priester, Jerzy Aleksander Popiełuszko, der am 19. Oktober 1984 wegen seiner Unterstützung der Opposition um die Solidarność von Offizieren des polnischen Staatssicherheitsdienstes im Weichsel-Stausee bei Włocławek brutal ertränkt und 2010 seliggesprochen wurde. (5)

Das Europäisches Zentrum der Solidarität (ECS) entstand im Herbst 2007 auf Initiative des gleichnamigen Gewerkschaftsbund NSZZ Solidarność und dem polnischen Kulturministerium in Danzig. Es bildet eine Einheit aus einem Museum über die Gewerkschaft, ihrem Zentralarchiv, einer Multimedia-Bibliothek sowie einem Bildungszentrum. Einige Elemente des Ensembles wurden neu gestaltetet, andere historisch belassen. Den Bau des ECS, das am 31. August 2014 eröffnet wurde, hat die Europäische Union mit 51 Mio. Euro gefördert. (6)

Ein besonderes Aktionszentrum während der Solidarność-Bewegung war die Brigittenkirche. Zum Einzugsgebiet der Pfarrkirche zählte die in der Nähe liegende Werft Danzig. Der Propst der Brigittenkirche, Henryk Jankowski, war Lech Wałęsas Beichtvater und einer der ersten Priester, die sich offen auf die Seite der Streikbewegung stellten. Nach der Einführung des Kriegsrechtes in Polen, am 13. Dezember 1981, nahm sich der Priester der Familien der Internierten an. Heute sind in der Kirche zahlreiche Andenken an diese Zeit, in der die polnische Gesellschaft um ihre Freiheit kämpfte, zu sehen.

Im Chor befindet sich ein einzigartiger 12 Meter hoher und 10 Meter breiter Bernsteinaltar in Form einer aufstrebenden Lilie, der dem Andenken jener 28 Werftarbeiter gewidmet ist, die bei Protesten im Dezember 1970 ums Leben kamen. Geschaffen wurde der Altar in 21 Jahren von Professor Stanislaw Radwanski, Mariusz Drapikowski und Leszek Jerzy Sobiech.
Er ist noch nicht fertiggestellt und wird kontinuierlich erweitert.
Zentrales Element ist das Bild der Muttergottes von Tschenstochau – Beschützerin der Werktätigen, das vom Priester Franciszek Znaniecki nach der Niederschlagung des Aufstandes im Dezember 1970 gemalt wurde. Die Maria und das Jesuskind bekamen neue Bernsteinkronen und das plastisch gestaltete Gewand wurde aus dem seltenen weißen Bernstein geschaffen. Ein weißer Bernsteinadler gilt als Symbol des Landes und Volkes. Umgeben wird das Bild von nach oben rankenden Weinreben, die in silbernen und vergoldeten Rahmen angefertigt sind und eine Fläche von 120 qm haben. Bei der Komposition haben Juweliere eine Kunstfertigkeit an den Tag gelegt, die als einmalig gilt. Den Untergrund bilden wogende Ähren, worin sich eine Mohnblüte – als Symbol des ewigen Lichts – befindet.
Die ganz besondere Atmosphäre verleiht dem Bernsteinaltar eine moderne Beleuchtung, die ihn in seiner Schönheit zur Geltung bringt und den Betrachter im Innersten anrührt. (7)

Polen ist stolz auf seine Demokratiebewegung. Dies zeigt besonders eine Tafel an einer Backsteinmauer, die neben einem Relikt der Berliner Mauer angebracht ist. Darauf steht:
„Zur Erinnerung an den Kampf der Solidarność für Freiheit und Demokratie und den Beitrag Polens zur Wiedervereinigung Deutschlands und für ein politisch geeintes Europa.“

(1) https://www.polish-online.com/polen/staedte/danzig-polnische-post.php

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Pomnik_Poleg%C5%82ych_Stoczniowc%C3%B3w_1970

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Augustabkommen#21_Forderungen_des_%C3%9Cberbetrieblichen_Streikkomitees

(4) https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/solidarnosc/geschichte
https://de.wikipedia.org/wiki/Polen

(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Jerzy_Popiełuszko

(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4isches_Zentrum_der_Solidarno%C5%9B%C4%87

(7) https://www.visitgdansk.com/de/weekends-in-gdansk/das-wochenende-der-freiheit,a,3795
https://de.wikipedia.org/wiki/Brigittenkirche_(Danzig)
Broschüre „Ein Bernsteinaltar des Vaterlandes …“ (2021)

Veröffentlicht in Polen

Den Atem anhalten – wieder Orientierung finden

Alljährlich gibt es im Kirchenraum von St. Johannis in Würzburg im Juli ein Kunstprojekt, das in Liturgie und Gottesdienste eingebunden, zur Reflexion anregen und die Möglichkeit geben will, einen geweiteten Blick auf sich, die Mitmenschen, die Lebensvollzüge und die Gesellschaft einzunehmen. In den letzten beiden Jahren waren z.B. regionale Künstler wie Christine Schätzlein (Schmerz, 2019) und Matthias Engert (Labyrinthe, 2021) eingeladen, im Kirchenraum besondere Akzente zu setzen. Für das diesjährige Kunstprojekt wurde mit der Auswahl der Künstlerin Nicole Ahland aus Wiesbaden die bayerische Grenze überschritten. Sie bedient sich des Mediums Fotografie und arbeitet mit Licht und Schatten sowie Raum.
In der Apsis der Kirche war links ein dreiteiliges Werk aufgehängt, das auf ein Gedicht von Hilde Domin Bezug nimmt: „Den Atem anhalten“

Lt. Blog der Pirckheimer Gesellschaft „besteht das Kunstwerk aus drei dünnen Aluminiumbahnen, auf die Nicole Ahland auf Fotografien basierende Motive applizierte. Die Künstlerin assoziiert, dem Text folgend, einen bedrohlichen Wolkenberg (Bahn 1, links), eine abstrahierte Röntgenaufnahme einer menschlichen Lunge aus den 1940er Jahren (Bahn 2, Mitte) sowie eine Verschachtelung von Innen- und Außenraum mit farbigen Lichtspuren (Bahn 3, rechts)“.
https://pirckheimer-gesellschaft.org/blog/ausstellung (Mittwoch, 27.7.22)

Durch die Fenster rechts der Apsis fällt das Licht herein und je nach Tageszeit und Wetterlage verändert sich die Wahrnehmung der Motive. Die eher abstrakte Beschichtung der Folien verleitet dazu, in die rot-dunkelrot-violett-pink- blau-schwarze Farbgebung einzutauchen, die Knitterungen zu enträtseln und eigenen Assoziationen nachzugehen. So rufen die dunklen Bereiche Erinnerungen an die vergangenen Pandemie-Monate wach, spiegeln gleichzeitig die durch das Kriegsgeschehen verursachte Krisenhaftigkeit der Gegenwart wider und lassen die Angst vor der Zukunft erahnen. Dazu passt, dass sich die Folie oben zum Teil von der Wand löst und etwas einrollt. Die Sorgen drücken, führen dazu, dass man den Atem anhält. Gleichzeitig nimmt das silbrige Hell der Folien, das in der dritten bläulich-grau übermalt ist, weiten Raum ein. Die schmale gelbe Lichtspur in der letzten Folie scheint ein helles, ungleichmäßiges Kreuz zu bilden.

Den Atem anhalten, das geht nur für begrenzte Zeit – um innezuhalten, Ruhe und Orientierung zu finden. Der Atem setzt automatisch wieder ein, das Leben geht weiter. Der silbrigen Atem, die bewegte Luft, der Geist – Ruach – durchwirken die dunklen Farben und versuchen, ihnen die Schwere zu nehmen. Kann man dem Leben doch vertrauen?!
Die Künstlerin selbst habe gesagt, dass sie solche freien Interpretationen mag, weil dadurch Offenheit entstehe.

Das Kunstprojekt St. Johannis begleitete eine Predigtreihe an allen Juli-Sonntagen, der letzte am 31.7.22 war ein Jazzgottesdienst.

Zum Abschluss des Kunstprojekts war ein besonderes Konzert angekündigt. Das Olaf-Kordes-Trio mit Olaf Kordes (Piano, Wolfgang Terzlaff (Kontrabass) und Karl Godejohann (Schlagzeug) und Jürgen Sonnentheil an der Orgel gestalteten am 31.7.22 um 19 Uhr in der St. Johanniskirche ein Konzert, dessen Höhepunkt George Gershwins „Rhapsody in Blue“ in einer Version für Jazz-Trio und Orgel war. Da wegen der Hitze die Stimmung von Flügel und St.-Johannis-Orgel zu stark differierte, war als Ersatz eine kleine mobile Orgel (aus Caen) im Einsatz.

Im Februar 1924 wurde die „Rhapsody in Blue“ mit George Gershwin selbst am Klavier in der Aeolian Hall in New York uraufgeführt. Er improvisierte während der Uraufführung den Klavier-Teil, da er wegen der knappen fünfwöchigen Entstehungszeit des Werks über keine fertiggestellte Piano-Partitur verfügte.
Die Fassung für Solo Klavier und großes Orchester von Ferde Grofé (1942) wird sehr häufig dargeboten – aber ohne deren jazztypische Improvisation. Beim Konzert in St. Johannis wurden die Musikstücke jazztypisch verarbeitet, ohne die Komposition zu verfälschen.

Das Kunstprojekt wurde durch Gelder von NeuStartKultur und dem Kunstfonds gefördert.

https://www.nicole-ahland.de/
https://www.johannis-wuerzburg.de/
www.ktg-trio.de
www.sonnentheil.de

Kaunas – das Programm zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr weckt aus der Ferne Interesse


Für eine Reise ist es zu weit, nichtsdestotrotz ziehen die Medienberichte aus einer der drei diesjährigen Europäischen Kulturhauptstädte – Kaunas – in ihren Bann. Die 90 km von Vilnius entfernte Stadt teilt sich diesen Titel mit dem serbischen Novi Sad und dem luxembur­gischen Esch-sur-Alzette im Jahr 2022. Kaunas im Zentrum Litauens am Zusammenfluss von Neris und Memel ist mit 315 000 Einwohnern nach Vilnius die zweitgrößte Stadt. Vilnius war bereits 2009 Kulturhauptstadt, nun hat Kaunas als wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Mittelpunkt diesen Titel erhalten.

Intention des Kulturhauptstadtprogramms

Das Programm unter dem Motto „Von der Gegenwart in die Moderne“ umfasst mehr als 1.000 Veranstaltungen, rund 4.000 Künstler*innen sind der Einladung mitzuwirken, gefolgt, darunter Marina Abramovic und Yoko Ono. Das Programm will Zukunft und Vergangenheit, Geschichte und Kunst in Verbindung bringen. Wie die Kunsthistorikerin und Direktorin des Kulturprogramms, Vir­ginija Vitkienė, erläutert, geht es aber um mehr, nämlich darum, der Stadt eine „verlorengegangene Identität“ zurückzugeben. „Wir nutzen 2022, sowohl um die Schönheit der Stadt wieder­zuentdecken als auch um uns mit dem Leid, das uns zugefügt wurde, das wir aber auch andern zugefügt haben, zu beschäftigen.“ (Zitate aus: https://jungle.world/artikel/2022/24/kaunas-2022-und-der-krieg-der-ukraine)

Die „Erinnerungskultur“ spiele eine ganz entscheidende Rolle. Denn Litauen ist auch ein Land des Schreckens im 20. Jhdt., bedingt durch die Sowjetherrschaft und die deutsche Besatzung. Rund 200 000 Juden wurden Opfer des Holocaust.

Geschichte

Die wechselvolle Geschichte verlangt geradezu danach, kulturell gedeutet und künstlerisch gestaltet zu werden. Einfach nur ein ästhetischer Spaziergang kann der Besuch von Kaunas gar nicht sein, vielmehr ist die Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit und ihren Abgründen auseinanderzusetzen, gefragt.

Zunächst zur neueren Geschichte in groben Zügen: Die deutsche Armee eroberte die Stadt 1915, doch schon 1918 erklärte Litauen trotz deutscher Besatzung seine Unabhängigkeit. 1920 marschierten im Polnisch-Litauischen Krieg polnische Truppen in Litauen ein, besetzten die litauische Hauptstadt Vilnius mit einer überwiegend polnischsprachige Bevölkerung und erklärten die gesamte Region Vilnius für polnisches Staatsgebiet ein. Kaunas war folglich von 1920 bis 1940 die provisorische Hauptstadt Litauens. Im Kulturhauptstadtprogramm wird immer wieder auf „die Zeit zwischen den Kriegen“ hingewiesen, die ein vielfältiges kulturelles Leben hervorbrachte. Diese Zwischenkriegszeit begann für Litauen mit dem Ende des polnisch-litauischen Kriegs am 7. Oktober 1920 und endete mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. 1940 besetzte die Rote Armee die Stadt. Es folgten Deportationen, vor allem des litauischen Bildungs- und Besitzbürgertums, in das Innere der UdSSR. Von Juni 1941 bis Sommer 1944 verblieb die deutsche Wehrmacht als Besatzungsmacht in der von den Deutschen als Kauen bezeichneten Stadt. Sie hetzte die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die bislang friedlich miteinander koexisterten – Litauer, Juden, Polen, Russen, Deutsche – gegeneinander auf. Unmittelbar nach Einmarsch der Wehrmacht kam es durch litauische Nationalisten zu von den deutschen Behörden geförderten bzw. geduldeten Massenmorden an Juden auf offener Straße (Kaunas Pogrom). Außerdem wurde die jüdische Bevölkerung in das neu geschaffene Ghetto Slobodka (= KZ Kauen) auf der anderen Seite der Neris gesteckt und sukzessive in drei nahe gelegenen Forts ermordet oder in andere Konzentrationslager deportiert. Gedenkstätte heute ist das Fort IX. Von 1940 – unterbrochen durch die deutsche Besatzungszeit – bis zur erneuten Wiedererlangung der litauischen Unabhängigkeit 1990 gehörte Kaunas zur Litauischen Sowjetrepublik, deren Hauptstadt erneut Vilnius wurde (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kaunas)

Vor diesem Hintergrund spielt das vielfältige Programm zum Kulturhauptstadtjahr.

Die Ereignisse um 1972

Die Russen waren unerbittlich – rigoros und brutal bekämpften diese in den 50er Jahren die Partisanen, die für Litauens Unabhängigkeit kämpften.
Am 14. Mai 1972 verbrannte sich der 19-jährige Romas Kalanta und hinterließ eine schriftliche Notiz: „Schuld an meinem Tod ist die jetzige Ordnung“. Das schreckliche Ereignis zog Demonstrationen nach sich, die niedergeschlagen wurden. Rund 800 Jugendliche wurden verhaftet.

Am 14. Mai 2022 wurde eine Ausstellung „1972. Breaking Through the Wall“ eröffnet, die den ganzen Sommer über im Hauptpostamt unweit des Ortes von Kalantas Selbstverbrennung zu sehen sein wird. Ideengeber und Kurator der Ausstellung ist die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Rasa Žukienė (Vytautas-Magnus-Universität). Die Veranstaltung diene zwar dem Gedenken an den 50. Todestag von Kalanta, bringe aber auch das Problem der inneren Freiheit des Einzelnen zum Ausdruck, das mit dem Widerstand gegen Gewalt und Unterdrückung in Verbindung stehe. Die Ausstellung lenkt den Blick auf diejenigen, die dem System nicht gehorchten. Dazu gehörten die Kaunaser Hippies, Rockbands, Pantomimen und professionelle Maler, deren Werke die Stimmungen der Mitglieder der unfreien Gesellschaft widerspiegelten. Bei dem Projekt handelt es sich nicht nur um eine Ausstellung von Kunstwerken. Die Stimmung des Kaunaser Frühlings wird nachvollziehbar und die Geschichten von Zeitgenossen werden mit verschiedenen, Dokumenten, Pantomimeaufführungen – und natürlich Musik und Mode – wieder lebendig.

Fotograf Romualdas Požerskis beispielsweise wird als Fotograf bekannt, als die World Press Photo Foundation im Jahrbuch 1989 seine Fotos von der litauischen Nationalflagge in Kaunas veröffentlicht. Jetzt sind seine Dokumente in der Ausstellung „1972“ zu sehen und ttt widmete ihm einen extra Beitrag.

Die Architektur ist vom Modernismus geprägt

Auch ohne Kulturprogramm ist Kaunas aufgrund der historischen Gebäude sehenswert. Die Anfänge gehen auf eine litauische Burganlage im 14. Jhdt. zurück. Die historische Altstadt ist das Zentrum. In der Architektur finden sich Elemente verschieder Epochen, auch Gotik und Barock spielen eine Rolle.

Besonders charakteristisch aber sind die modernistischen Bauwerke, die von 1920 bis 1940 entstanden, als Kaunas Litauens Hauptstadt war. 6 000 Gebäude wurden in dieser Zeit gebaut, so viele, wie in keiner anderen Stadt dieser Epoche. Als Wahrzeichen gilt das Rathaus, das auch „Weißer Schwan“ genannt wird. Ein Spitzname, der von der hohen und weißen Gestalt des Gebäudes (erbaut 1542 bis 1562, mehrmals umgebaut), herrührt. Zu nennen sind beispielsweise das Hauptpostamt, das zunächst als Hauptquartier der Gestapo, dann als Sitz des KGB diente. Für das Kulturhauptstadtprogramm wurde das Gebäude als einer der Hauptveranstaltungsorte umfunktioniert. Ab 1930 nach Plänen des Architekten Feliksas Vizbaras modernistisch erbaut, wurde es 2020 von der Regierung zum Kulturdenkmal erklärt. Die von 1934 bis 1940 errichtete Auferstehungskirche Christi gilt als eines der stärksten Symbole und nationales Wahrzeichen. Vorausgegangen war ein Wettbewerb, den Reisonas Karolis für sich entschied. „Er verwendete modernste Techniken des Stahlbetonbaus und gliederte die Fassade mit einem vertikalen Muster, ein häufig genutztes ästhetisches Mittel des Modernismus in Kaunas.“ (Zitat von hier)
Siebzig Meter ist der Turm hoch und überragt den Stadtteil Žaliakalnis. Von der Dachterrasse aus kann man die ganze Stadt überblicken. Beim Einmarsch der Sowjets 1940 war der Rohbau fertig, fünfzig Jahre lang wurde das Gebäude für militärische Radiotechnik zweckentfremdet. Erst seit 2004 erfüllt die Kirche ihre ursprüngliche Bestimmung.
https://thelink.berlin/2021/09/moderne-in-kaunas-litauen/

Die Vergangenheit ist immer präsent

Künstlerisch wird ein gerne verdrängter und unrühmlicher Teil der Geschichte bearbeitet und wieder ins Bewusstsein gerufen, dass nämlich die Litauer die Vernichtungspolitik der Nazis unterstützt und sich als Kollaborateure erwiesen haben. Davon zeugt beispielsweise die Ausstellung des weltberühmten südafrikanische Künstlers William Kentridge, der erstmals in die Heimat seiner Großeltern, die einst aus Kaunas flohen, zurückgekehrt ist. Seine Arbeit hat er extra für das Kulturhauptstadtjahr kreiert. Vor dem zweiten Weltkrieg machten in Kaunas Menschen jüdischen Glaubens etwa ein Drittel der Bevölkerung aus. Mit der Besatzung durch die Nazis begann deren Vernichtung, wobei viele Litauer an den Pogromen beteilgt waren – eine Schuld, die sie jahrzehntelang verdrängten. William Kentridge hatte es deswegen so lange abgelehnt, in die Heimat seiner Vorfahren zu reisen, konnte aber durch den sehr inspirierenden Ausstellungsort im Nationalmuseum gewonnen werden. Dies ist den Bemühungen der Kuratorin Virginjia Vitkiene zu verdanken, deren erklärtes Ziel es ist, dass sich die Litauer mit ihrer Beteiligung an der Ermordung von fast 200.000 jüdischen Landsleuten anhand des Mittels der Kunst auseinandersetzen.

Die Ausstellung „That which we do not remember“ zeigt Videos, Installationen und Zeichnungen aus den vergangenen Jahrzehnten – alles im Tenor schwarz-weiß gehalten. Die Installation setzt sich aus drei Teilen zusammen: ein jüdischer Friedhof vor einer afrikanischen Landschaft, Musik, die christliche Gesänge und afrikanische Harmonien verbindet. Die Ausstellung gilt als einer der Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Jahres in Kaunas.
www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/kaunas-kentridge-100.html

Ein besonders eindrückliches Beispiel der grauenvollen Vergangenheit ist das Fort IX, eine Festung aus der Zarenzeit, die Gefängnis und Folterstätte war. Erst war dort der Sowjetische Geheimdienst zu Gange, dann die Deutschen. Hier wurden Juden umgebracht, erst die litauischen Juden, dann Deportierte aus deutschen und europäischen Städten, darunter viele Kinder. Der Befehl soll noch nicht mal von Berlin ausgegangen sein, sondern die SS-Schergen vor Ort hätten die Tötungen initiiert und damit den Beginn des Holocaust eingeleitet. Die Litauer waren dabei willfährige Handlanger. In den Gräben rund um das Fort wurden rund 50 000 Menschen aus ganz Europa erschossen und vergraben. Heute erinnert daran ein Holocaust-Mahnmal aus sowjetischer Zeit (vgl. Aspekte-Sendung zu den Kulturhauptstädten Kaunas und Esch-sur-Alzette).

Wandmalereien

Vielerorts in Kaunas trifft man auf Graffiti, großflächige Malerein an den Fassaden und Mauern, in den letzten Monaten sind einige dazu gekommen. Die Direktorin des Kulturhaupstadtprogramms hat haushohe Porträts ehemaliger Einwohner*innen in Auftrag gegeben, um der Stadt die Erinnerung an die verdrängte Vergangenheit zurückzugeben und diesen Dankbarkeit zu erweisen. An der Wand gezeigt wird auch Leja Goldberg, eine hebräische Dichterin und Schriftstellerin, die in Kaunas aufgewachsen ist. Einer der Graffiti-Künstler ist Tadas Vincaitis-Plūgas, der im Zuge des Kulturhauptstadtjahres ein Mural geschaffen hat, das jüdische Überlebende des Holocaust zeigt, z.B. Rosia Bagriansky mit ihrer Mutter Gerta aus Kaunas.

Fluxus

Viele Menschen, Intellektuelle, Künstler, Architekten etc. überlebten den Holocaust nur, weil sie Litauen oder auch andere Länder verließen. Kaunas den Rücken gekehrt hat auch der Begründer der Fluxus-Bewegung, George Maciunas (1931 bis 1978). Eine Hommage liefert die berühmteste noch lebende Fluxus-Künstlerin Yoko Ono mit ihrem Kunstwerk Exit it in der litauischen Nationalbank: aus Särge wachsen Bäume.

Die Ukraine ist fester Bestandteil des Programms

Der Krieg in der Ukraine ist so nah und die Solidarität des baltischen Landes mit der Ukraine ist groß, vielerorts findet man blau-gelbe Flaggen. Dies rührt auch daher, dass die Bevölkerung sich ähnlich bedroht fühlt. Führt der Weg zur russischen Exklave Kaliningrad doch direkt durch Litauen. Die Phantasien russischer Machthaber dürften dahin gehen, dass sie sich hier einen Korridor wünschen, der einen direkten Zugang schafft.
Um auch im Kulturhauptstadtprogramm auf den Ukraine-Krieg und die Situation der Flüchtlinge zu reagieren, wurde die Initiative „Die Ukraine im Herzen Litauens“ ins Leben gerufen. Treffpunkt für Ukrainer in Kaunas ist das Hauptpostamt, wo im dritten Stock unter dem Motto „CulturEUkraine“ ein kreativer Raum für ukrainische Familien, Kinder und Künstler während ihres zeitweiligen Aufenthaltes offen steht.


Verwendete Links und Quellen:
https://thelink.berlin/2021/09/moderne-in-kaunas-litauen/
https://jungle.world/artikel/2022/24/kaunas-2022-und-der-krieg-der-ukraine
http://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/mediathek-staatsministerin/kaunas-stadt-der-moderne-1994696
https://kaunas2022.eu/en/
http://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/land-leute/litauen-kaunas-kulturhauptstadt-100.html
ttt-Special über Kaunas (10.7.22)
Aspekte-Sendung zu den Kulturhauptstädten Kaunas und Esch-sur-Alzette (22.7.22)

Throwback: Pauline Füg und Karo im Ideenraum der Stadtbücherei Würzburg

Es war 8. April – seit 3.04.22 waren offiziell die einschränkenden Zugangsbeschränkungen gefallen. Weder 3G für den Zutritt, noch 2G für Veranstaltungen waren mehr gefordert. Lediglich die (FFP2-)Maskenpflicht via Hausrecht hatten zahleiche Städte, so auch Würzburg, beibehalten.
In diese Übergangszeit fiel ein literarisch-musikalischer Abend mit Pauline Füg und KARO im Pop-up-Raum bzw. Ideenraum der Stadtbücherei Würzburg.
Eine paar Handvoll Leute hatte sich eingefunden, was hervorragend zum Werkstattcharakter des Veranstaltungsortes passte. Sicherlich aber ist die bekannte Poetry-Slammerin an voll besetzte Zuschauerplätze gewöhnt.
Pauline Füg betrat den Raum, ihre altrosa Mütze tief in die Stirn gezogen, streifte erstmal umher und unterhielt sich mit einigen Leuten, die sie kannte.
Anscheinend war sie mit der Musikerin des heutigen Abends noch nicht so oft aufgetreten, es sei ein Experiment gewesen. Aber es war geglückt. Begleitet von der elektronischen Gitarrenmusik von KARO entfaltete sich die literarische Vielfalt der Poetry-Slammerin eindrucksvoll. Klang und Wort wurden mal getrennt voneinander dargeboten, dann wieder bildeten diese eine literarisch-musikalischen Einheit. Manchmal las Pauline Füg die Gedichte sogar zweimal vor, damit sich diese im zweiten Hören noch besser erschließen.

Besonders eindringlich ist mir ihr Text „Resonanz im Hinterhof“ in Erinnerung geblieben. Darin beschreibt Pauline Füg, Bezug nehmend auf das Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa, wie sie mit ihrer Hausgemeinschaft in Fürth in einer Insel von 18 Altbau-Wohnungen aus Backstein die Corona-Zeit verbracht hat. Resonanz sei, was Menschen glücklich macht. Sie werde hervorgerufen, durch unerwartete Dinge, die passieren, die mit uns in Beziehung treten und das Leben zur Erfahrung machen. Eine besondere Rolle spielte die Katze – „Katzen machen deswegen so glücklich, weil sie Resonanztiere sind“. Das Tier wurde auch mal an den Nachbarn ausgeliehen, um ihn etwas aufzuheitern. Im Lockdown gestaltete es sich als Herausforderung Resonanz zu erfahren, aber im Mikrokosmos Nachbarschaft war einiges möglich.
KARO konnte sogleich das Stichwort aufgreifen und von ihrer eigenen Katze berichten, über die sogar ein Artikel in der Mainpost erschienen sein soll. Diese war in eine Wolfsfalle geraten und dabei wurde ein Bein durchtrennt. Trotzdem schaffte sie es – dreibeinig – zu ihren Jungen zurückzukehren.

Das Charakteristikum von Pauline Füg ist die Verbindung von Psychologie und Literatur. Sie ist Psychologin und bringt diesen Hintergrund auch in ihr Schaffen ein, etwa in Lyrik über die Begegnung mit Demenzkranken, im Gedicht „icd-10“ (eine Klassifikation, die der Einordnung von Krankheiten dient) oder in „korsakow“, worin eine Form des Gedächtnisausfalls, die schwere Alkoholiker betrifft, beschrieben wird.

Außerdem hatte Pauline Füg Texte dabei, die sie für Festivals vorbereitet hatte, z.B „Du sollst kein Brot essen.“ Diesen Beitrag rezitierte sie gemeinsam mit Florian Stein beim digitalen Brechtfestival in Augsburg (26.2. bis 7.3.2021). Slampoet*innen reflektierten hier frei und individuell Rollenbilder von Frauen in der heutigen Gesellschaft und deren Perspektiven.

Für ein wegen Corona abgesagtes Romantikfestival hatte sie ein Essay über Karoline von Günderrode, die sich aufgrund einer toxischen Beziehung mit 26 Jahren erdolchte, geschrieben. Deren Situation übertrug sie auf den Kontext von heute („Über die Liebe und das Loslassen“).

Es lohnt sich schließlich auch, einen Blick auf die Vita der Literatin, die seit über über 19 Jahren mit ihren Texten in ganz Europa auf Bühnen steht und zudem ihr Know-How in Poetry-Slam-Workshops und Schreibwerkstätten weitergibt, zu werfen.

„Für ihre künstlerische Arbeit wurde sie u.a. ausgezeichnet mit dem Kulturpreis Bayern (2011), dem Kulturförderpreis der Stadt Würzburg (2015) und dem Arbeitsstipendium des Freistaates Bayern (2020). Im September 2021 ist ihr zweiter Lyrikband „nach der illusion“ im Lektora Verlag erschienen …

Zusammen mit ihrem Kollegen Tobias Heyel ist sie seit 2005 als großraumdichten unterwegs – gemeinsam bringen sie Slam Poetry, Lyrik, Beats und Videokunst in einem Abendprogramm auf die Bühne. Die Texte sprechen sie mal synchron, mal versetzt. Von 2005 bis 2018 qualifizierte Pauline Füg sich mit großraumdichten 12 Mal für die jährlichen deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften …

Pauline Füg hat zudem zusammen mit Prof. Dr. Henrikje Stanze eine Gedächtnisrehabilitation für Menschen mit Demenz entwickelt – die demenzPoesie. Unter dem Projektnamen kunstPoesie arbeiten Füg und Stanze auch kreativ mit Menschen mit Behinderung und/oder psychischen Erkrankungen …

Für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat die Diplom-Psychologin zusammen mit Tobias Heyel unter dem Motto „Toleranz stärken, Kompetenz fördern“ ein inklusives Workshopkonzept mit Themenschwerpunkt „Migration und interkulturelle Kompetenz“ entwickelt. Sie bietet ebenso an Schulen Poetry Slam-Workshops zum Thema „Perspektivenwechsel – Flucht und Willkommenskultur“ an.“ (Auszüge von ihrer Website)

Dieses Engagement an der Nahtstelle von Gesellschaft, Psychologie und Literatur ist sehr beeindruckend und gerade in unserer Zeit der Umbrüche und Unsicherheiten sehr wichtig. Künstlerisch-kulturell lässt sich so manches aufarbeiten, das im Alltag auf der Strecke bleibt. Ich werden die Aktivitäten von Pauline Füg in jedem Fall im Auge behalten.

Website von Pauline Füg

The answer ist blowin‘ in the wind

So manch einer hat das schon erlebt. Man nimmt Kontakt auf, hat einen Glückwunsch, Urlaubsgruß verschickt, fragt etwas, will etwas klären oder nach einem Gespräch steht noch eine Rückmeldung aus. Aber manchmal kommt keine Antwort. Das Gedankenkarussell fängt an zu kreisen: ist die Nachricht angekommen? Im Spam-Ordner gelandet? Vielleicht hat der Betreffende vergessen, die Nachricht zu öffnen oder sie gelesen und dann nicht mehr daran gedacht. Vielleicht war er viel unterwegs und anderweitig beschäftigt.
Manchmal ist es auch so, dass ein bestimmter Kanal gar nicht benutzt wird. Das muss man freilich wissen, denn die richtige Ansprache sollte man schon verwenden.

Im Alltag kann es sein, dass sich ein Familienmitglied sang- und klanglos vor den anstehenden Hausarbeiten drückt und im Arbeitsleben bedeutet Team mitunter „Toll, ein anderer machts“.
Besonders nervenaufreibend kann das Warten bei Bewerbungsverfahren sein oder wenn ein Corona-Testergebnis aussteht. In Bayern gab es im August 2020 eine Panne, als tausende Reiserückkehrer auf ihre Bescheide warteten, darunter bis 900 nachweislich positiv getestete. Damals gab es noch keine Impfstoffe und bei Infektionen war die Gefahr von schweren Verläufen wahrscheinlicher, als jetzt bei Omikron. Zumindest in diesem Fall war der Verzug keine Absicht, sondern dem Chaos geschuldet.

Ausgenommen sind zudem Situationen, in denen Schweigen dazu dient, einen hochexplosiven Schlagabtausch zu deeskalieren, aber selbst da ist Reden oft effektiver, als den Betreffenden zu ignorieren, weil sich der Emotionsstau so lösen kann. Freilich ist es dann besser, wenn jemand Neutrales spricht und der Konfliktpartner nichts mehr sagt. Auf Beleidigungen und Haßbotschaften braucht man natürlich nicht zu reagieren, da kann eine Anzeige angemessen sein.

Bei Partnershaftsbörsen nennt man ein solches Nicht-(mehr)-Reagieren Ghosting – das Gegenüber ist plötzlich weg, schleicht sich davon, löst sich in Luft auf.
Da mag es verschiedene Motive geben. Der eine verliert vielleicht tatsächlich das Interesse und vergisst den Kontakt einfach. Der andere empfindet möglicherweise sogar eine Art Machtgefühl. Er kann durch sein Schweigen signalisieren: Dich nehme ich nicht mehr ernst, Du bist mir gleichgültig.

Sich einer Situation wortlos entziehen, mag einen vordergründigen Gewinn bringen. Aber wer so handelt, hat gleichzeitig die gesellschaftlichen Konventionen verlassen. Bislang galt es zumindest als ungeschriebene Gepflogenheit, einem Absender zu antworten, sei es auch nur mit einem „ja“, „nein“, „hab keine Zeit, sorry!“. Kommunikation hat immer etwas mit Dialog zu tun. Schweigen ist zwar auch eine Form von Gesprächsverhalten. Aber durch diese Uneindeutigkeit wird dem Adressaten abverlangt, viel Zeit zu vergeuden, um die Leere zu interpretieren. Erst entsteht Ungeduld, dann vielleicht Zorn und schließlich macht sich Resignation breit. Viel verschwendete Energie, die durch eine kurze Antwort behoben wäre.

In Kindertagen hat man gelernt, dass man immer antworten sollte, wenn man etwas gefragt wird. Zumindest sind das gute Manieren. Selbst ein „ich weiß es nicht“, „ich kann es nicht beantworten“, „das überlasse ich Dir“, „sag ich Dir später oder ein „Nein, geht nicht“ sind gültige Repliken.

Aber drehen wir den Spieß doch mal um. Wer in keinster Weise reagiert und sich aus dem Staub macht, ist ein Stoffel. Selbst wenn er meint, eine Kommunikationsstrategie anzuwenden, die so mancher Management- und PR-Berater im Werkzeugkasten hat. Wer sich stillschweigend einer Sache entzieht, gleicht Kindern im Trotzalter oder pubertierenden Jugendlichen, die signalisieren: „Nein, diese Sache mach ich nicht“ oder „Ich doch nicht“.

Selbst wenn einer sich ins Fäustchen lacht, weil er sich entwunden hat, dann kann sich der andere in die ganze Hand lachen. Und zwar deswegen, weil der Schweigende sich als nicht kommunikationsfähig und unreif entlarvt hat. Es gilt auch hier: wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Modenschau mit fair gehandelter Kleidung im Garten des Wasserschlosses Rottendorf

Man muss keine große Stadt sein, um Fairtrade-Kommune zu werden, das schaffen auch kleinere Gemeinden wie Rottendorf (5.341 Einwohner). Bereits im Frühjahr 2020 sollte deswegen eine offizielle Feier mit Urkundenübergabe stattfinden, pandemiebedingt kam es zu einer Verzögerung und schließ­lich zu einer virtuellen Verleihung im November; erst im Mai 2021 konnte der Status in einer Präsenzveranstaltung besiegelt werden.
Startschuss war im Januar 2018 und seitdem haben viele engagierte Akteure den Prozess möglich gemacht. Vor allem die Grundschule, die sich bereits seit einiger Zeit Fair Trade School nennen darf, hat sich immer wieder motiviert eingebracht, auch der TSV 1869 e.V. Rottendorf hat sich faire Volleybälle angeschafft und die Pfarrei St. Vitus, der Weltladen und die Steuerungsgruppe haben in interessanten Veranstaltungen zum Thema „Fairtrade“ informiert. In Rottendorf kann man faire Waren und Lebensmittel im Einzelhandel und in Restaurants kaufen und die Gemeinde bietet fairen Kaffee bei Terminen und Besprechungen an.

Ein besonderes Highlight hatte sich Steuerungsgruppe Fair Trade Rottendorf (Koordination: Anke Schneider) mit dem Fair Catwalk – einer Modenschau mit fair gehandelter Kleidung Ende Juni im Garten des Wasserschlosses ausgedacht. Mitgewirkt hatten der Weltladen in der Plattnerstraße, das Naturkaufhaus Body & Nature in der Rückermainstraße 1 sowie JAC (just act collective) – Fair Fashion in der der Augustinerstr. 1a – alle in Würzburg. Weitere Kooperationspartner waren natürlich die Gemeinde Rottendorf, die Bücherei im Wasserschloss und erstaunlicherweise der RoKaGe Rottendorfer Karnevalsgesellschaft.

Das war ein buntes sommerliches Treiben im Wasserschlossgarten. Über 100 Menschen hatten sich eingefunden und saßen auf Bänken oder im Rasen fröhlich beisammen. Kinder jeden Alters, soweit sie laufen konnten, flitzen umher und machten den Models auf der Bühne Konkurrenz.

Die Modegeschäfte präsentierten ihre Sommermode in drei Etappen, jeweils unterbrochen von einer kurzen Pause. Luftig leichte Kleider, Shorts, T-Shirts und Accessoires wie Taschen, Tücher, Hüte, Ketten wurden vorgeführt und eine Sprecherin informierte jeweils zu den Firmen, Marken (das Label „Azadi“ – so lautet der indische Begriff für Freiheit – beispieisweise steht für schicke Mode „made fair in India“ mit westlichem Flair) und den Materialien (Bio-Baumwolle, -Leinen, Hanffaser, Sojaseide etc.). Besonders viel Laune machten die Farben und blumigen Muster, mal ein lindgrüner Ton, mal lachsfarben, helles taubenblau, mint, türkis, dunkles pink, grün, schwarz oder weiß.

Die Frauen ganz unterschiedlichen Typs bewegten sich weich und anmutig, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie sich die Kleidung aussuchen durften, die zu Ihnen passt und die ihnen besonders gefällt. Männer waren keine vertreten, aber das war nicht weiter schlimm, da der Bürgermeister, der zwischendurch auch ein Grußwort an die Anwesenden richtete, auf die Bühne kam und sich stellvertretend ein orange-gelbes T-Shirt überstreifte.

Ergänzend gab es auch Erläuterungen zu den Produktionsbedingungen, die in den Herkunftsländern manchmal katastrophal sind (keine Betriebsräte, Brände, Kinderarbeit, geringe Löhne). Freilich kostet die nachhaltige Kleidung etwas mehr als die Mode aus den gängigen Kaufhäusern. Allerdings sind die Stücke auch etwas ganz besonderes, manche sogar von Künstler*innen gestaltet. So schnell wirft man da nichts weg, sondern trägt das Lieblingsteil lieber einige Zeit länger, weil man eben eine Beziehung dazu hat. Und genau das ist ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit: lieber weniger Kleidungsstücke im Schrank, aber auf faire Qualität achten. Das macht mehr Sinn als eine Fülle von Klamotten, die man entweder kaum trägt oder nach kurzer Zeit wieder wegwirft und durch Neues austauscht. Mehr Bewusstsein für den Einkauf von fairer Kleidung zu schaffen, ist durch diese Modeschau bestimmt gelungen. Also ich werden bald mal stöbern gehen, welche Raritäten ich in den Würzburger Läden finden kann.

Rottendorf – Fairtrade-Gemeinde

Liebe Erde

Liebe Erde, so lautet der Titel eines Buches, hrsg. von Molina Gosch, das 33 Briefe von bekannten oder weniger bekannten Persönlichkeiten enthält, die sich dafür einsetzen, unsere Welt zu schützen.
Liebe Erde, auch mir bist Du in den letzten Jahren sehr vertraut geworden. Eigentlich mag ich Dich von Kindheit an, denn ich bin auf dem Land groß geworden. Wald, Wiesen, Gärten, Hecken, Beeren sammeln, Wandern, Radtouren im Grünen – all das war für mich selbstverständlich. Damals war ich so daran gewöhnt, dass ich Deine Güter gar nicht mehr richtig zu schätzen wusste.
Es zog mich in die Stadt, wo – so meinte ich – das quirligere Leben stattfindet. In dieser Ignoranz lebte ich rund 20 Jahre lang in einer Wohnung, die an einer vielbefahrenen vierspurigen Durchgangsstraße gelegen war.
Das pulsierende Dasein, die Kultur, die Vielfalt, die Vertrautheit in der Anonymität genieße ich noch immer und möchte das nicht missen. Zunehmend wurden mir aber auch die negativen Aspekte des städtischen Lebens bewusst: Feinstaub, Abgase, Lärm, Beton, Baustellen, Staus, Trauben von Menschen zu Stoßzeiten – manchmal ist es schier unerträglich.

Damit ist für mich seit einiger Zeit Schluss. Ich bin an den Stadtrand gezogen und dort bin ich Dir wieder begegnet, liebe Erde. Ich treffe Dich bei Spaziergängen über die weitläufigen Getreide- und Rapsfelder. Besonders ans Herz gewachsen ist mir ein kleiner Park. Während der Pandemie, als es sonst kaum andere Freizeitmöglichkeiten gab, erlebte ich dort die Jahreszeiten in voller Intensität. Am Ende des Winters schaute ich erwartungsvoll zu den gegenüberliegenden Hügelkuppen. Noch war alles kahl und tot. Doch das änderte sich schnell, die ersten weißen Blüten und grünen Flecken zeigten sich – bis ein weiß-grüner Teppich daraus wurde. Dann begann der Frühling: Schlehen, Kirschblüte, Apfelblüte, Flieder – allmählich entfalteten sich auch die Laubbäume. Im Mai/Juni ist der Frühsommer in seiner prallen Fülle zu erleben. Große Bäume mit dunkelgrünen Lindenblättern säumen den Weg, hochgewachsenes Gras mit farbigen Wiesenblumen ist links und rechts oder auf freien Flächen stehen geblieben. Die Streuobstwiesen sollen Tieren, Schmetterlingen und Insekten einen Lebensraum bieten und die Artenvielfalt erhalten. Schön, dass kleine Schilder es ausdrücklich gestatten, hier zu naschen und Früchte zu sammeln.
Dazwischen hoppeln gegen Abend die Hasen umher. Wenn sie sich ungestört fühlen, bleiben sie ganz ruhig sitzen und richten sich auf, sobald sie Menschen bemerken, ergreifen sie die Flucht. Manchmal hört man Vögel in einer Endlosschleife zwitschern, die sich hier offensichtlich sehr wohl fühlen. Auf der Hundefreilauffläche sind hohe, schmale Eichen gepflanzt, die eine romantische Kulisse für stimmungsvolle Sonnenuntergänge bilden.

Liebe Erde, in diesem Park bist Du mir vertraut geworden, wie schon lange nicht mehr. Hier munterst Du auf, beruhigst, tröstest, gibst Schwung und inspirierst.
Die Vorstellung, dass es Dich nicht mehr in dieser Schönheit geben könnte, Du in Deinem Bestand bedroht bist, schreckt mich. Deswegen will ich allen von Dir erzählen und Bewunderung wecken für Dich. Auch dafür, dass man handeln muss, um Dich zu schützen. Mit Nachhaltigkeit anfangen ist gar nicht so schwer. Kleine Schritte kann jeder tun: Radfahren, ÖPNV nutzen, faire Produkte kaufen, Energie sparen, Gegenstände teilen uvm. Besonderes freut es mich, dass auch Künstler, Institutionen, Bibliotheken und Kultur- und Bildungseinrichtungen begonnen haben, sich an der Agenda 2030 bzw. den SDGs (Sustainable Development Goals) auszurichten. Ziel 13 und 15 (Klimaschutz und Leben an Land) fokussieren Deine Bedürfnisse besonders gut. Saatgutbörsen und Bibliotheksgärten sind Beispiele für geeignete Aktionen, doch der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Solche Maßnahmen beobachte ich sehr gespannt und trage es gerne weiter. Je mehr Menschen sich zusammenschließen, je mehr Ideen entstehen, wie man Dich retten kann, desto besser.
Liebe Erde, Du hast meine Aufmerksamkeit – ich weiß, dass Du nur so schön bleibst, wenn man achtsam mit der umgeht. Hoffentlich begreifen das alle!

Sprachengewirr 2022

Sprachenvielfalt und Sprachgewirr – doch plötzlich verstehen sich alle. So wird Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes von der Kirche charakterisiert. Wie kann man sich das vorstellen?

Am nächsten liegt die Assoziation zum Urlaub. In englisch- und französischsprachigen Regionen kommt man mit seinen schulischen Kenntnissen meistens zurecht. Kritisch wird es hingegen, wenn man nach Italien, Spanien oder Skandinavien reist, von den fernen und abseitigen Ländern ganz zu schweigen. Zwar hat sich Englisch als eine Art Universalsprache herauskristallisiert, die von vielen beherrscht wird, aber eben nicht von allen. Esperanto war mal als künstliche Sprache gedacht, dürfte aber nur begrenzt geläufig sein. Schließlich ist da noch die Gebärdensprache: ein Ja, Nein, Vielleicht, ein Augenrollen, eine Umarmung – solche Gesten werden intuitiv verstanden.

Wenn im Urlaub die Kommunikation nur rudimentär funktioniert, so gibt es auch noch Apps und Online-Tools. Apps übersetzen das Gehörte in die gewünschte Sprache. Mit seinem Smartphone kann man nahezu jede fremdsprachige Website übertragen lassen und sich in einem Land flankierende Informationen beschaffen. Hinderlich ist nur, dass die Übersetzungen manchmal nicht ganz passgenau oder holprig ausfallen.

Das Problem mit fremden Sprachen stellt sich nicht nur in den Ferien, sondern umgekehrt auch zuhause. Die Verständigung mit den Flüchtlingen aus der Ukraine wird zur Herausforderung, weil viele Helfer*innen deren Muttersprache oder Russisch nicht können. Zum Glück gibt es in Deutschland lebende Ukrainer*innen, die sich als Übersetzer*innen betätigen oder Englisch erweist sich wieder als gemeinsame Basis. Gebärdensprache dürfte meist nicht ausreichen, um komplexe Verwaltungsvorgänge zu erklären.

Sprachverwirrung entsteht nicht nur zwischen fremden Völkern. Barrieren gibt es auch zwischen Menschen, die die gleiche Sprache sprechen. Groß können die Unterschiede sein, wenn die Lebenswirklichkeit eine andere ist. Verstehen Eltern wirklich, welche Bedürfnisse ihre Kinder haben? Können mitten im Leben Stehende die Situation von Senior*innen nachempfinden? Sprechen Reiche oder Akadmiker*innen die gleiche Sprache wie Hartz IV-Empfänger*innen? Ähnliches gilt für Polizist*innen – Demonstranten, Chefs – Mitarbeitende, Babyboomer – Generation Z, Maßnahmentreue – Impfgegner*innen, Politik – Bürger*innen, Regierung – Opposition usw. Zwischen deren Alltag haben sich offenbar Gräben aufgetan. Ein Sprachenchaos! Wie Verständigung schaffen? Das Zauberwort könnte Empathie lauten. Dazu gehört die Bereitschaft, sich mit dem Leben des anderen auseinanderzusetzen, es in seinen Besonderheiten zu akzeptieren, die jeweiligen Sorgen und Nöte nachzuvollziehen. Noch nicht einmal ein Wunder ist dafür nötig, nur: Offenheit, Zeit, Flexibilität, sorgfältige Wortwahl und die Bereitschaft die eigene Blase zu verlassen. Das wäre doch ein erster Schritt. Alle hören zu und begreifen, was wesentlich ist – ein Traum!

Die Vergleiche hinken, aber das passt schon so. Das Pfingstwunder kann nicht getoppt werden. Es ist einmalig und ein erstrebenswertes Ideal. Es dient als Ansporn, immer wieder zu versuchen, auf diesen Zustand hinzuarbeiten. Diesen könnte man wohl als Frieden bezeichnen.